Wo sind eigentlich die Waffen? Warum der Senegal trotz Waffenbesitz erstaunlich friedlich ist

Wer durch Dakar geht, dem fällt etwas auf, das einem Besucher aus Deutschland oder den USA durchaus auffallen kann: Wo sind eigentlich die Waffen?

Vor Banken stehen private Sicherheitsleute. Vor größeren Geschäften stehen Wachmänner. Polizei und Militär sind natürlich bewaffnet. Aber der normale Bürger mit einer Pistole am Gürtel? Fehlanzeige.

Auch bei privaten Sicherheitsdiensten sieht das Bild anders aus, als man es vielleicht erwarten würde. Einige Sicherheitsleute tragen eine Schusswaffe, viele andere dagegen nicht. In Dakar ist ein unbewaffneter Wachmann offensichtlich der Normalfall.

Dabei gibt es im Senegal durchaus private Schusswaffen. Jagdwaffen sind erlaubt, unter bestimmten Voraussetzungen können Privatpersonen Pistolen oder Revolver besitzen und auch private Sicherheitsunternehmen können für ihre Tätigkeit Waffen genehmigt bekommen.

Aber eines gibt es im Senegal ganz sicher nicht: ein amerikanisches „Recht auf eine Waffe“.

USA: Mehr Waffen als Einwohner

Der Gegensatz zu den Vereinigten Staaten könnte kaum größer sein. Nach der bislang umfassendsten internationalen Untersuchung des Small Arms Survey gab es 2017 weltweit rund 857 Millionen Schusswaffen in ziviler Hand. Davon entfielen allein rund 393 Millionen auf die USA. Damit befanden sich in den Vereinigten Staaten rechnerisch 120,5 Schusswaffen auf 100 Einwohner. Anders ausgedrückt: Auf 100 Amerikaner kamen statistisch mehr als 120 zivile Schusswaffen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Amerikaner eine Waffe besitzt. Manche Menschen besitzen mehrere Waffen, andere überhaupt keine. Die Zahl zeigt vielmehr den enormen Umfang des privaten Waffenbestandes. Und in den USA darf man Waffen offen tragen. Das heißt, sie sind Bestandteil des Stadtbildes.

Die USA stehen damit weltweit mit großem Abstand an der Spitze.

Deutschland: Mehr Waffen, als man denkt

Deutschland wirkt auf den ersten Blick wie das genaue Gegenteil der USA. Waffen gehören nicht zum normalen Straßenbild, und der private Besitz ist streng reglementiert.

Trotzdem befinden sich nach der Schätzung des Small Arms Survey rund 15,8 Millionen Schusswaffen in ziviler Hand. Das entspricht 19,6 Waffen je 100 Einwohner.

Damit liegt Deutschland international keineswegs am unteren Ende. Deutschland gehört vielmehr zu den Ländern mit einem vergleichsweise hohen zivilen Waffenbestand. Der Grund ist allerdings ein völlig anderer als in den USA.

In Deutschland befinden sich zahlreiche Waffen bei Jägern, Sportschützen und anderen legalen Waffenbesitzern. Dazu kommen nicht registrierte Waffen sowie ältere Waffenbestände.

Die Zahl von 15,8 Millionen ist deshalb nicht mit der Zahl der legal registrierten Waffen gleichzusetzen. Das Small Arms Survey schätzt den gesamten zivilen Bestand, einschließlich nicht registrierter Waffen. Für Deutschland werden rund 5,83 Millionen registrierte und fast 10 Millionen nicht registrierte zivile Schusswaffen ausgewiesen.

Und der Senegal?

Das Small Arms Survey schätzte für den Senegal im Jahr 2017 insgesamt etwa 323.000 zivile Schusswaffen. Bei damals rund 16 Millionen Einwohnern entspricht das gerade einmal: 2,0 Schusswaffen je 100 Einwohner.

Damit besitzt der Senegal rechnerisch nur etwa ein Zehntel des deutschen Waffenbestandes pro Einwohner – und nur rund ein Sechzigstel des amerikanischen Wertes.

Die Schätzung umfasst ausdrücklich nicht nur registrierte Waffen. Von den geschätzten 323.000 zivilen Schusswaffen waren nach den verfügbaren Angaben lediglich rund 7.000 registriert; mehr als 315.000 wurden als nicht registriert geschätzt.

Gerade bei dieser Zahl ist allerdings Vorsicht angebracht. Die Daten für den Senegal beruhen überwiegend auf Experteneinschätzungen und nicht auf einer vollständigen staatlichen Registrierung. Die tatsächliche Zahl kann deshalb höher oder niedriger liegen.

Trotzdem ist die Größenordnung bemerkenswert.

Ein internationaler Vergleich

Die Zahlen des Small Arms Survey von 2017 zeigen die enorme Spannweite:

Land geschätzte zivile Schusswaffen Waffen je 100 Einwohner
USA 393,3 Mio. 120,5
Yemen 14,9 Mio. 52,8
Montenegro 245.000 39,1
Serbien 2,72 Mio. 39,1
Kanada 12,71 Mio. 34,7
Uruguay 1,20 Mio. 34,7
Finnland 1,79 Mio. 32,4
Island 106.000 31,7
Österreich 2,58 Mio. 30,0
Norwegen 1,54 Mio. 28,8
Schweiz 2,33 Mio. 27,6
Schweden 2,30 Mio. 23,1
Portugal 2,19 Mio. 21,3
Deutschland 15,82 Mio. 19,6
Frankreich 12,73 Mio. 19,6
Italien 8,61 Mio. 14,4
Russland 17,62 Mio. 12,3
Nigeria 6,15 Mio. 3,2
Ghana 2,28 Mio. 8,0
Gambia 137.000 6,5
Guinea 130.000 1,0
Guinea-Bissau 29.000 1,5
Senegal 323.000 2,0
Sierra Leone 35.000 0,5

Die vollständige Datenbank umfasst rund 230 Länder und Territorien. Die Zahlen zeigen auch, warum eine Rangliste nach der absoluten Zahl der Waffen wenig sinnvoll wäre: Indien besitzt beispielsweise rund 71 Millionen zivile Waffen und China fast 50 Millionen – allein aufgrund ihrer riesigen Bevölkerungen. Pro Einwohner sieht die Rangfolge völlig anders aus.

Der Senegal liegt mit etwa zwei Waffen pro 100 Einwohner im unteren Bereich der weltweiten Statistik.

Eine exakte Platzierung sollte man wegen der vielen Gleichstände und der unterschiedlichen Datenqualität nicht überinterpretieren. In der Größenordnung liegt Senegal jedoch ungefähr im Bereich des unteren Drittels der erfassten Länder.

Der Senegal ist also kein waffenloses Land

Der geringe Waffenbestand bedeutet nicht, dass Waffen im Senegal verboten wären. Das Gegenteil ist der Fall: Ein Privatmann kann unter bestimmten Voraussetzungen legal eine Schusswaffe besitzen. Das senegalesische Innenministerium beschreibt ausdrücklich ein Verfahren für eine Genehmigung zum Besitz bzw. Tragen einer Schusswaffe.

Die Genehmigung berechtigt dazu, eine Waffe und Munition beispielsweise für Jagd oder persönliche Sicherheit zu erwerben oder zu importieren. Jede Genehmigung gilt allerdings nur für eine bestimmte Waffe.

Das Mindestalter beträgt nach den Angaben des Innenministeriums 21 Jahre. Gefordert werden unter anderem ein Antrag an den Innenminister, ein Führungszeugnis und weitere Unterlagen. Die Behörde nennt ausdrücklich die Notwendigkeit, den beruflichen oder persönlichen Grund für den Waffenbesitz zu begründen.

Für Ausländer gelten zusätzliche Anforderungen. Sie müssen unter anderem ihren Reisepass, eine senegalesische Ausländerkarte beziehungsweise deren Antragsbeleg und ein Führungszeugnis aus ihrem Heimatland vorlegen. Ein Ausländer ist also nicht grundsätzlich vom legalen Waffenbesitz ausgeschlossen.

Eine automatische Berechtigung gibt es aber nicht.

Waffen für den persönlichen Schutz?

Das ist ein wichtiger Unterschied zu Deutschland. Das senegalesische Innenministerium nennt ausdrücklich die persönliche Sicherheit als möglichen Grund für eine Waffengenehmigung. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Bürger, der sich subjektiv unsicher fühlt, automatisch eine Pistole bekommt.

Der Antrag wird geprüft. Die Behörde verlangt gerade Unterlagen, mit denen die Notwendigkeit der Waffe begründet werden soll. Das System ist damit ein Genehmigungssystem und kein amerikanisches „right to bear arms“.

Warum tragen manche Wachleute Waffen?

Auch die Beobachtung vor den Banken lässt sich damit erklären.

Private Sicherheitsunternehmen können für ihre Tätigkeit Waffen genehmigt bekommen. Bereits in den vergangenen Jahren wurden einzelnen Sicherheitsunternehmen ausdrücklich Genehmigungen zum Tragen einer bestimmten Anzahl von Waffen erteilt.

So wurde beispielsweise einem senegalesischen Sicherheitsunternehmen 2016 die Genehmigung erteilt, vier Waffen zu tragen. Die Genehmigung war ausdrücklich auf die Tätigkeit des Unternehmens beschränkt.

Und das Thema ist weiterhin aktuell.

Im Februar 2026 verabschiedete die Nationalversammlung ein neues Gesetz zur Regulierung der privaten Sicherheitswirtschaft. Die Reform soll die Branche professionalisieren, die Ausbildung der Sicherheitskräfte regeln und die Zusammenarbeit mit den staatlichen Sicherheitskräften ordnen.

Besonders interessant: Die senegalesische Regierung betonte, dass der Einsatz von Waffen durch private Sicherheitsdienste die Ausnahme bleiben soll.

Das erklärt möglicherweise ziemlich genau das Bild, das man täglich auf den Straßen Dakars beobachten kann: Viele Wachleute – aber vergleichsweise wenige Waffen.

Und wie sicher ist der Senegal?

Jetzt wird der Vergleich wirklich interessant. Denn wenn Waffen automatisch zu mehr Sicherheit führen würden, müsste das Land mit den meisten Waffen besonders sicher sein.

Das Gegenteil ist der Fall.

Nach der aktuellen internationalen Schätzung der Global Burden of Disease Study lag die Tötungsrate 2023 in den USA bei etwa 7,3 Todesfällen durch Tötungsdelikte je 100.000 Einwohner.

Im Senegal waren es 1,6 pro 100.000.

Deutschland lag bei lediglich etwa 0,4 bis 0,45 pro 100.000.

Damit ergibt sich ein bemerkenswertes Bild:

Land Tötungsdelikte je 100.000 Einwohner, 2023 zivile Waffen je 100 Einwohner*
🇺🇸 USA 7,3 120,5
🇸🇳 Senegal 1,6 2,0
🇩🇪 Deutschland 0,4–0,45 19,6

* Waffenbestand: internationale Schätzung für 2017, nicht aktuelle Zahl.

Die USA haben damit nicht nur rund 60-mal so viele zivile Schusswaffen pro Einwohner wie der Senegal, sondern auch eine mehr als viermal so hohe Tötungsrate.

Deutschland wiederum hat fast zehnmal so viele zivile Schusswaffen pro Einwohner wie Senegal, aber eine noch niedrigere Tötungsrate.

Das zeigt vor allem eines:

Waffen allein erklären Gewalt nicht.

Sie können Gewalt tödlicher machen – aber die Zahl der Waffen in einem Land ist offensichtlich nicht die einzige entscheidende Variable.

Ein wichtiger Punkt: Messer und andere Waffen

Auch die Gewaltstatistik muss vorsichtig interpretiert werden.

Ein Land kann relativ wenige Schusswaffen besitzen und trotzdem eine hohe Gewaltkriminalität haben. Gewalt kann mit Messern, Stöcken, Macheten oder anderen Gegenständen ausgeübt werden.

Deutschland verfügt über eine sehr detaillierte Kriminalstatistik. 2024 registrierte die deutsche Polizei beispielsweise mehr als 29.000 Fälle, die als „Messerangriff“ erfasst wurden. Eine vergleichbare, landesweit detaillierte Statistik für den Senegal ist öffentlich allerdings nicht verfügbar.

Deshalb wäre es unseriös, beispielsweise zu behaupten: „Im Senegal gibt es weniger Messerangriffe als in Deutschland.“ Das wissen wir schlicht nicht.

Was wir aber vergleichen können, ist die Zahl der Tötungsdelikte – und hier gehört Senegal international zu den Ländern mit relativ niedrigen Werten.

Der Senegal ist nicht Deutschland – aber auch nicht Amerika

Damit ergibt sich ein interessantes Dreieck. Deutschland hat ein sehr restriktives Waffenrecht und einen relativ niedrigen Gewaltpegel. Die USA haben einen riesigen privaten Waffenbestand und eine wesentlich höhere Tötungsrate. Der Senegal liegt bei den Waffen weit unter Deutschland und extrem weit unter den USA. Auch die Tötungsrate liegt deutlich unter der der USA. Gleichzeitig liegt Senegal bei den Tötungsdelikten über Deutschland.

Der Senegal gehört trotz seiner vergleichsweise niedrigen staatlichen und privaten Waffenpräsenz zu den relativ friedlichen Ländern der Welt.

Warum ist Senegal vergleichsweise friedlich

Die Statistik beantwortet diese Frage nicht. Möglicherweise spielen mehrere Faktoren zusammen:

Die senegalesische Gesellschaft ist stark durch Familie und soziale Netzwerke geprägt. Nachbarschaften haben eine andere soziale Kontrollfunktion als in vielen europäischen Großstädten. Religiöse und gesellschaftliche Autoritäten besitzen erheblichen Einfluss.

Hinzu kommt die besondere Stellung des Senegal innerhalb Westafrikas.

Das Land ist trotz seiner politischen Auseinandersetzungen und wirtschaftlichen Probleme seit Jahrzehnten vergleichsweise stabil. Militärputsche, die viele andere westafrikanische Staaten in den vergangenen Jahren erschüttert haben, sind dem Senegal erspart geblieben.

Auch die Tatsache, dass Schusswaffen im Alltag kaum sichtbar sind, dürfte eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Wer eine Waffe nicht ständig sieht, erlebt sie auch weniger als normalen Bestandteil des täglichen Lebens.

Vielleicht ist genau das ein entscheidender Punkt:

In Amerika ist die Waffe Teil der gesellschaftlichen Kultur.

In Deutschland ist sie ein streng reguliertes Sport-, Jagd- oder Sicherheitsinstrument.

Im Senegal ist sie für die meisten Menschen schlicht kein Bestandteil des Alltags.

Und vielleicht erklärt das besser als jede einzelne gesetzliche Vorschrift, warum man in Dakar zwar überall Sicherheitsleute sieht – aber nur sehr selten einen bewaffneten.

Die große weltweite Waffenstatistik

Eine Einschränkung sollte bei allen Zahlen ausdrücklich erwähnt werden: Die internationale Statistik des Small Arms Survey stammt aus 2017 und wurde 2018 veröffentlicht. Eine weltweit vergleichbare neue Zählung für 2026 gibt es nicht.

Die Untersuchung schätzte damals insgesamt rund 1,013 Milliarden Schusswaffen weltweit:

  • 857 Millionen bei Zivilisten
  • 133 Millionen beim Militär
  • 23 Millionen bei Polizei und anderen staatlichen Sicherheitsbehörden

Rund 85 Prozent aller Schusswaffen befanden sich damit in ziviler Hand.

Das Small Arms Survey betont allerdings selbst, dass solche Zahlen zwangsläufig mit Unsicherheiten behaftet sind. Gerade nicht registrierte Waffen können nur geschätzt werden. Die Forscher verwenden deshalb eine Kombination aus offiziellen Registrierungszahlen, Umfragen, Experteneinschätzungen und Vergleichsdaten anderer Länder.

Für Senegal bedeutet das:

323.000 ist keine gezählte Zahl. Es ist eine wissenschaftliche Schätzung.

Aber selbst wenn die tatsächliche Zahl erheblich höher liegen sollte, müsste sie schon ein Vielfaches betragen, um den Senegal auch nur in die Nähe Deutschlands zu bringen.

Und vielleicht erklärt das dann auch meine Beobachtung, der ich schon seit einem Jahr im Senegal lebe: Man macht sich hier keine Gedanken über die eigene Sicherheit. Man muss hier nicht ständig über Waffen nachdenken, weil Waffen im öffentlichen Leben kaum präsent sind. Ja, es gibt Handtaschendiebstähle wie in jedem anderen Land auch, aber man muss nicht um sein leben fürchten. Hier bedroht man einen auch nicht mit dem Messer, Bedrohungen gehen meist von der Anzahl der Angreifer aus.

Ein Beispiel: vor einiger Zeit wurde hier in meiner Wohngegend in einem Haus eingebrochen. Der Täter wurde überrascht, alle Nachbarn kamen zusammen und prügelten auf den Mann ein, der hierdurch zu Tode kam.

Fotos: oben: Sicherheitsdienst vor der Orabank in Dakar ohne Waffen; unten: Sicherheitsdienst bei einem Geldtransport, bei dem ein bewaffneter Mitarbeiter deutlich zu sehen ist

Joachim Abel

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