Reggae – die Musik, die über den Atlantik nach Afrika zurückkehrte

Wenn irgendwo an der westafrikanischen Atlantikküste die ersten Takte eines Reggae-Songs erklingen, dauert es meist nicht lange, bis der Name Bob Marley fällt. Dreadlocks, Rot-Gelb-Grün, „One Love“, Jamaika – und eine Musik, die weltweit zum Symbol für Freiheit, Frieden und Widerstand geworden ist.

Doch die Geschichte des Reggae beginnt nicht erst in Jamaika.

Und sie endet auch nicht dort. Sie führt zurück nach Afrika. Vielleicht sogar bis an die westafrikanische Atlantikküste, von der einst Millionen Menschen als Sklaven nach Amerika und in die Karibik verschleppt wurden.

Reggae ist eine jamaikanische Musik. Aber ohne Afrika hätte es Reggae niemals gegeben.

Das macht diese Musikgeschichte gerade für Länder wie Senegal so faszinierend.

Ein musikalischer Kreislauf über den Atlantik

Die Geschichte lässt sich vereinfacht als großer Kreis erzählen:

Afrika → Atlantischer Sklavenhandel → Karibik → Jamaika → Reggae → Bob Marley → Afrika

Doch dieser Kreis ist nicht nur eine Metapher. Die Menschen, die im Rahmen des transatlantischen Sklavenhandels aus Afrika verschleppt wurden, verloren ihre Heimat, aber nicht automatisch ihre kulturellen Traditionen. Rhythmen, Gesänge, religiöse Vorstellungen und musikalische Formen überlebten. In der Karibik trafen sie auf europäische Musik, Kirchenmusik und später amerikanischen Rhythm & Blues, Jazz und Soul. Aus dieser Mischung entstanden neue Musikformen. Und irgendwann – auf Jamaika – der Reggae.

Der eigentliche Geburtsort des Reggae: Jamaika

Wenn man einen einzigen Ort als Geburtsort des Reggae nennen soll, ist die Antwort eindeutig: Jamaika. Die unmittelbaren Vorläufer des Reggae entstanden in den 1960er Jahren. Zunächst entwickelte sich Ska, anschließend Rocksteady. Rocksteady wurde langsamer und bassbetonter. Ende der 1960er Jahre entstand daraus der Reggae.

Einer der wichtigen frühen Titel war „Do the Reggay“ von Toots and the Maytals aus dem Jahr 1968.

Die neue Musik war zunächst vor allem jamaikanische Unterhaltungsmusik. Doch schon bald wurde sie zu sehr viel mehr.

Die afrikanischen Wurzeln

Die schwarze Bevölkerung Jamaikas stammt überwiegend von Menschen ab, die aus verschiedenen Regionen Afrikas nach Amerika verschleppt wurden. Dazu gehörten Regionen des heutigen: Senegal und Gambia, Guinea und Sierra Leone, Ghana, Côte d’Ivoire, Benin und Togo, Nigeria sowie Teilen Zentralafrikas.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Reggae stammt nicht aus einem einzigen afrikanischen Land. Es wäre deshalb falsch zu sagen, Reggae sei ursprünglich senegalesische, ghanaische oder nigerianische Musik. Die Menschen, die nach Jamaika verschleppt wurden, gehörten verschiedenen Völkern an. Ihre unterschiedlichen musikalischen Traditionen vermischten sich unter den Bedingungen der Karibik. Dazu kamen europäische und später amerikanische Einflüsse. Das Ergebnis war etwas völlig Neues: afro-karibische Musik.

Was ist denn am Reggae afrikanisch?

Wer Reggae hört, erkennt vielleicht nicht sofort die afrikanischen Wurzeln. Sie liegen weniger in einer einzelnen Melodie als in musikalischen Prinzipien. Dazu gehören: die zentrale Bedeutung des Rhythmus, wiederkehrende rhythmische Muster, Call-and-Response, die Bedeutung von Trommeln und Schlagzeug, gemeinschaftlicher Gesang, Improvisation und die starke rhythmische Rolle des Basses.

Besonders auffällig ist der Bass. Im Reggae ist er nicht bloß Begleitung. Er trägt die Musik. Das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug wurde zu einem der charakteristischen Elemente des Reggae.

Von Afrika nach Jamaika – durch den Sklavenhandel

Hier liegt der vielleicht dunkelste Teil der Geschichte. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden Millionen Afrikaner gewaltsam über den Atlantik verschleppt. Auch Westafrika war davon massiv betroffen. Für den Senegal ist diese Geschichte besonders greifbar. Vor Dakar liegt die Insel Gorée, die heute weltweit mit der Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels verbunden ist. Von der westafrikanischen Küste führte der Weg über den Atlantik in die Karibik und nach Amerika.

Die Menschen kamen dort nicht als freiwillige Migranten an. Sie wurden ihrer Freiheit, ihrer Familien und ihrer Heimat beraubt. Aber etwas ließ sich nicht so einfach zerstören: ihre Kultur.

Foto: Gorée, Maison des Esclaves, Gorée vor Dakar erinnert heute an die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels. Über den Atlantik wurden Menschen aus Westafrika in die Karibik verschleppt.“

Die Musik überlebte aber die Sklaverei

Die versklavten Menschen konnten ihre Heimat nicht mitnehmen. Aber sie konnten singen. Sie konnten trommeln. Sie konnten Geschichten erzählen. Und sie konnten religiöse und kulturelle Traditionen weitergeben. Dabei vermischten sich unterschiedliche afrikanische Traditionen miteinander.

Ein Mensch aus Westafrika konnte plötzlich neben Menschen aus einer völlig anderen Region Afrikas leben. Ihre Nachkommen entwickelten über Generationen eine neue afro-karibische Kultur. Aus dieser Kultur entstanden schließlich Musikrichtungen wie Mento, Ska, Rocksteady – und später Reggae.

Rastafari macht Afrika zum Mittelpunkt

Reggae bekam seine besondere politische und kulturelle Bedeutung durch die Rastafari-Bewegung. Rastafari entstand in Jamaika in den 1930er Jahren. Eine wichtige geistige Grundlage war die panafrikanische Bewegung. Afrika wurde zum Symbol der eigenen Identität.

Eine besondere Bedeutung bekam Äthiopien. (Links die Flagge)

Der äthiopische Kaiser Haile Selassie I. wurde für die Rastafari-Bewegung zu einer zentralen Figur. Damit bekam Afrika innerhalb der jamaikanischen Kultur eine neue Bedeutung. Afrika war nicht länger nur der weit entfernte Kontinent, aus dem die Vorfahren stammten.

Afrika wurde zum Symbol für: Heimat, Würde, Freiheit und Selbstbestimmung.

Warum Rot, Gelb und Grün?

Wer Reggae-Musiker sieht, kennt die Farben: Rot – Gelb – Grün. Im Senegal sorgt diese Farbkombination für eine besondere Überraschung. Denn auch die senegalesische Nationalflagge trägt: Grün – Gelb – Rot.

Die Bedeutungen sind allerdings nicht identisch.

Die Farben der Rastafari-Bewegung stehen in Verbindung mit der äthiopischen Symbolik und wurden zu einem weltweiten Zeichen afrikanischer Identität. Die senegalesische Flagge hat ihre eigene nationale Geschichte.

Trotzdem entsteht an der westafrikanischen Atlantikküste eine ungewöhnliche optische Verbindung:

Rastafari und Senegal sprechen – zumindest bei den Farben – eine ähnliche Sprache.

Dann kam Bob Marley

Und aus einer jamaikanischen Musik wurde eine Weltsprache.

Bob Marley.

Geboren 1945 in Jamaika, wurde Marley zum berühmtesten Reggae-Musiker aller Zeiten.

Mit Songs wie: „One Love“, „No Woman, No Cry“, „Get Up, Stand Up“, „Redemption Song“, „Africa Unite“

wurde er weltweit bekannt.

Doch besonders für Afrika hatte Marley eine Bedeutung, die über seine Musik hinausging.

Er sprach über Unterdrückung, Rassismus, Freiheit und die Einheit Afrikas.

„Africa Unite“

1979 veröffentlichte Bob Marley das Album „Survival“. Schon das Cover und die Titel machten deutlich, worum es ging. Marley sang über Afrika. Über Freiheit. Über koloniale Vergangenheit. Und über die Einheit des Kontinents.

Der Titel „Africa Unite“ wurde zu einem der bekanntesten Beispiele für Marleys afrikanisches Bewusstsein.

Für viele Afrikaner war Bob Marley deshalb nicht einfach ein jamaikanischer Sänger. Er war ein internationaler schwarzer Künstler, der die afrikanische Geschichte zum Bestandteil seiner Musik machte.

Einen der symbolträchtigsten Auftritte seiner Karriere absolvierte Marley 1980 in Zimbabwe Foto). Am 18. April 1980 wurde die Unabhängigkeit des Landes gefeiert. Bob Marley trat bei den Feierlichkeiten in Harare auf. Das Bild könnte kaum symbolischer sein: Ein Musiker aus Jamaika, dessen Vorfahren aus Afrika verschleppt worden waren, sang bei der Unabhängigkeit eines afrikanischen Staates.

Die Musik war nach Afrika zurückgekehrt.

In den 1970er und 1980er Jahren verbreitete sich Reggae auf dem afrikanischen Kontinent. Doch die Afrikaner kopierten nicht einfach die Jamaikaner. Sie machten die Musik zu ihrer eigenen.

Und plötzlich ging es um afrikanische Themen: Militärdiktaturen, Korruption, Armut, soziale Ungleichheit, Bürgerkriege, Rassismus, Kolonialismus, afrikanische Einheit.

Der Reggae bekam eine neue Heimat.

Côte d’Ivoire – das Zentrum des afrikanischen Reggae

Eines der wichtigsten Reggae-Länder Afrikas wurde die Côte d’Ivoire, nicht der Senegal. Der große Name: Alpha Blondy.  Alpha Blondy wurde zu einem der international bekanntesten afrikanischen Reggae-Musiker. Er verband jamaikanische Reggae-Strukturen mit afrikanischen Rhythmen und politischen Themen. Sein Song „Brigadier Sabari“ wurde zu einem Beispiel für Reggae als gesellschaftskritische Musik.

Hier entstand etwas Neues:afrikanischer Reggae.

Ein weiterer bedeutender Musiker aus Côte d’Ivoire ist Tiken Jah Fakoly. Seine Musik ist ausgesprochen politisch. Er kritisiert: Korruption, Machtmissbrauch, soziale Ungerechtigkeit, politische Unterdrückung, Kolonialismus.

Tiken Jah Fakoly zeigt besonders deutlich, wie der Reggae nach seiner Rückkehr nach Afrika verändert wurde. Die Musik kam aus Jamaika. Die Themen kamen aus Afrika.

In Südafrika wurde Lucky Dube zu einem der bekanntesten Reggae-Musiker des Kontinents. Dube verband Reggae mit den politischen und sozialen Problemen Südafrikas. Die Apartheid, Rassismus, Armut und soziale Ungleichheit wurden zu zentralen Themen. Auch hier war Reggae nicht mehr bloß jamaikanische Musik. Er war zu einer internationalen Sprache des Widerstands geworden.

Und wo bleibt der Senegal?

Der Senegal besitzt selbstverständlich ebenfalls eine Reggae-Szene. Aber Reggae wurde hier nie zur dominierenden Musikrichtung. Das liegt vor allem daran, dass der Senegal eine außerordentlich starke eigene musikalische Tradition besitzt. An erster Stelle steht der Mbalax. Dazu kommen: Sabar-Musik, traditionelle Musik der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Afro-Cuban, Hip-Hop, moderne Popmusik, Mandinka-Musik und zahlreiche regionale Stilrichtungen.

Wer heute in Dakar Radio hört, wird deshalb viel häufiger Mbalax, Hip-Hop oder moderne afrikanische Popmusik hören als klassischen Roots-Reggae.

Und trotzdem: Bob Marley kennt hier fast jeder.

Warum Reggae in der Casamance stärker auffällt

Wer dagegen in der Casamance unterwegs ist, kann einen anderen Eindruck gewinnen. Gerade in Orten an der Atlantikküste und in touristisch geprägten Regionen ist Reggae deutlich sicht- und hörbarer. Die Casamance besitzt enge kulturelle Verbindungen zu den Nachbarregionen von Gambia und Guinea-Bissau. Die Region ist ethnisch und kulturell besonders vielfältig. Hinzu kommt der internationale Tourismus.

Damit treffen dort unterschiedliche Musiktraditionen aufeinander. Reggae passt in diese internationale Küstenkultur.

Kann man Bob Marleys Vorfahren bis nach Senegal zurückverfolgen?

Nein!  Bob Marley war Jamaikaner. Seine Mutter war Afro-Jamaikanerin, sein Vater stammte aus einer britisch-europäischen Familie. Wie bei vielen Nachkommen der afrikanischen Diaspora lässt sich die afrikanische Herkunft seiner Vorfahren nicht ohne Weiteres einem heutigen Nationalstaat zuordnen.

Das liegt auch daran, dass die heutigen Grenzen Afrikas zur Zeit des Sklavenhandels noch nicht existierten. Ein Vorfahre, der aus einer Region des heutigen Senegal stammte, wäre damals nicht „Senegalese“ im heutigen nationalstaatlichen Sinne gewesen. Er hätte einer bestimmten Gesellschaft oder ethnischen Gruppe angehört.

Aber die Verbindung ist trotzdem real

Man muss Bob Marley nicht genealogisch bis zu einem bestimmten afrikanischen Dorf zurückverfolgen, um die Verbindung zu Afrika zu verstehen. Sie ist historisch und kulturell. Afrikanische Menschen wurden nach Jamaika verschleppt. Ihre Nachfahren entwickelten eine eigene Kultur. Diese Kultur brachte den Reggae hervor. Der Reggae wurde weltweit bekannt. Bob Marley machte Afrika zu einem zentralen Thema seiner Musik. Und afrikanische Musiker nahmen die Musik wieder auf.

Der Reggae kehrte nach Afrika zurück.

Eine Reise über 400 Jahre

16.–19. Jahrhundert

Afrika

Menschen aus West- und Zentralafrika werden über den Atlantik verschleppt.

↓

17.–19. Jahrhundert

Karibik

Afrikanische, europäische und später amerikanische Einflüsse vermischen sich.

↓

Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts

Jamaika

Mento und andere jamaikanische Musikformen entstehen.

↓

1960er Jahre

Jamaika

Ska → Rocksteady.

↓

Ende der 1960er Jahre

Jamaika

Reggae entsteht.

↓

1970er Jahre

Weltweit

Bob Marley, Peter Tosh, Jimmy Cliff und andere machen Reggae international bekannt.

↓

1979

„Survival“

Bob Marley richtet den Blick besonders stark auf Afrika.

↓

1980

Zimbabwe

Bob Marley tritt bei den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten auf.

↓

1980er/1990er Jahre

Afrika

Alpha Blondy, Lucky Dube, Tiken Jah Fakoly und andere entwickeln afrikanische Formen des Reggae.

↓

Heute

Afrika

Reggae ist längst Teil der internationalen afrikanischen Musiklandschaft.

Die Musik, die nicht im Atlantik unterging

Vielleicht ist dies die schönste Geschichte am Reggae: Die Menschen, die Afrika verlassen mussten, hatten ihre Heimat nicht freiwillig verlassen. Ihre Musik aber ging mit ihnen. Sie veränderte sich. Sie wurde jamaikanisch. Sie wurde Reggae. Und schließlich kam sie zurück. Nicht als dieselbe Musik. Sondern verändert durch Jahrhunderte der Geschichte.

Heute kann ein Musiker in Côte d’Ivoire einen jamaikanischen Reggae-Rhythmus mit afrikanischen Instrumenten und einer afrikanischen Sprache verbinden. Ein südafrikanischer Sänger kann darüber singen, was Apartheid bedeutet hat. Ein Musiker in Senegal kann Bob Marley spielen. Und irgendwo in der Casamance kann ein Reggae-Song aus einer Lautsprecherbox am Atlantik erklingen.

Der Atlantik, der einst Menschen auseinandergerissen hat, ist damit zu einer musikalischen Brücke geworden.

Von Gorée nach Kingston – und zurück

Wenn man auf Gorée steht und hinaus auf den Atlantik blickt, liegt Jamaika mehr als 6.000 Kilometer entfernt. Und trotzdem gibt es eine Verbindung. Nicht geografisch. Nicht politisch. Sondern kulturell.

Menschen wurden über diesen Ozean verschleppt. Ihre Nachkommen schufen in Jamaika eine neue Musik. Diese Musik wurde zur Stimme von Freiheit und Selbstbestimmung.

Und schließlich kehrte sie nach Afrika zurück. Deshalb könnte man die Geschichte des Reggae kaum besser zusammenfassen als mit einem Satz:

Die Menschen wurden aus Afrika verschleppt. Ihre Musik konnte man nicht verschleppen.

Sie überlebte. Sie veränderte sich. Sie reiste über den Atlantik. Und eines Tages kam sie zurück.

 

Vielleicht deshalb klingt Reggae an der westafrikanischen Atlantikküste manchmal ein wenig wie Musik, die nach Hause kommt.

Ich liebe den Senegal und ich liebe den Reggae. Was gibt es schöneres, als hier zu leben und zu arbeiten.

Joachim Abel

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