Papier oder Wasser? Über Toilettenkultur, Händewaschen und Hygiene in Deutschland und Senegal

Es gibt Dinge, über die man nur selten spricht. Der Toilettengang gehört dazu. Jeder macht es, jeder hat seine Gewohnheiten, und normalerweise denkt niemand darüber nach. Erst wenn man längere Zeit in einem anderen Land lebt, merkt man, wie unterschiedlich solche alltäglichen Abläufe sein können.

Als Deutscher, der im Senegal lebt, begegnet man solchen Unterschieden ständig. Besonders deutlich wird das bei der Körperhygiene nach dem Toilettengang und beim anschließenden Händewaschen. Was in Deutschland selbstverständlich erscheint, ist im Senegal nicht überall in gleicher Weise möglich.

Dabei geht es nicht darum, eine Kultur für besser oder schlechter zu erklären. Es geht um Gewohnheiten, verfügbare Einrichtungen, den Zugang zu Wasser und Seife – und um die Frage, welche Bedeutung Hygiene für die Gesundheit hat.

Zwei unterschiedliche Wege der Reinigung

In Deutschland ist Toilettenpapier die übliche Methode, sich nach dem Stuhlgang zu reinigen. Anschließend werden die Hände gewaschen, möglichst mit Seife. In öffentlichen Gebäuden gibt es dafür normalerweise ein Waschbecken, einen Wasserhahn und eine Möglichkeit zum Trocknen der Hände.

Als ich dann vor sieben Jahren das erste mal nach Dakar kam, der große Schreck, wo ist das Papier?

In vielen Haushalten und Einrichtungen im Senegal wird  Wasser zur Reinigung verwendet. Dafür dient beispielsweise ein kleiner Wasserbehälter, ein Eimer oder ein Schlauch mit Brause. Diese Methode ist in zahlreichen Ländern Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens verbreitet.

Wasser zur Reinigung des Intimbereichs ist keineswegs unhygienisch. Es kann eine gründliche Reinigung ermöglichen. Entscheidend ist, wie das Wasser verwendet wird, ob es sauber ist und ob eine anschließende Handreinigung erfolgt.

Auch in Deutschland sind die Gewohnheiten nicht überall gleich. Manche Menschen verwenden zusätzlich zum Toilettenpapier Wasser oder ein Bidet. Umgekehrt wird auch im Senegal Toilettenpapier verwendet, insbesondere in Hotels, modernen Wohnungen und bestimmten öffentlichen Einrichtungen.

Die Unterschiede verlaufen also nicht starr zwischen zwei Ländern. Sie hängen auch von Einkommen, Wohnsituation, Infrastruktur und persönlichen Gewohnheiten ab.

Und was geschieht danach mit den Händen?

Der nächste Schreck, ein Waschbecken, aber kein fließendes Wasser und keine Seife.

Nach der Reinigung mit Wasser müssen die Hände ebenfalls gereinigt werden. Dabei geht es nicht nur um sichtbare Verschmutzungen. Krankheitserreger können mit bloßem Auge nicht erkannt werden. Sie können über die Hände auf Lebensmittel, Türklinken, Geldscheine oder andere Menschen übertragen werden.

Die wirksamste einfache Maßnahme ist das gründliche Händewaschen mit Wasser und Seife. Dabei werden Schmutz und Krankheitserreger von der Haut gelöst und abgespült.

Wasser allein ist besser als gar keine Reinigung, entfernt aber insbesondere fetthaltige Verschmutzungen und bestimmte Keime weniger zuverlässig als Wasser und Seife.

Wer sich nach dem Toilettengang nur mit Wasser reinigt und anschließend mit ungewaschenen Händen eine Mahlzeit vorbereitet, kann Krankheitserreger weitergeben. Das gilt selbstverständlich nicht nur im Senegal, sondern überall auf der Welt.

Was sagen die Zahlen?

Die Weltgesundheitsorganisation und UNICEF untersuchen regelmäßig, wie gut Menschen weltweit mit Trinkwasser, Toiletten und Handwaschmöglichkeiten versorgt sind.

Für den Senegal zeigen die international vergleichbaren Daten für 2022 ein deutliches Infrastrukturproblem: Nur etwa 22 Prozent der Bevölkerung lebten in Haushalten, in denen eine Handwaschmöglichkeit mit Wasser und Seife zur Verfügung stand.

Zum Vergleich: Bei der sicher bewirtschafteten Sanitärversorgung lag der Anteil im Senegal bei 14 Prozent, in Deutschland bei 97 Prozent.

Diese Zahlen beschreiben nicht unmittelbar das Verhalten jedes Einzelnen. Sie zeigen vielmehr, unter welchen Bedingungen Menschen ihre Hygiene praktizieren können. Wer kein Waschbecken, keinen Wasserhahn oder keine zuverlässige Wasserversorgung hat, kann die gleichen Hygienestandards nicht ohne Weiteres einhalten wie jemand mit einem modernen Badezimmer.

Dabei ist die Situation im Senegal sehr unterschiedlich. In Dakar gibt es moderne Wohnhäuser, Hotels, Bürogebäude und Einkaufszentren mit gut ausgestatteten Toiletten. In ärmeren Stadtvierteln und ländlichen Regionen können Wasseranschlüsse, Toiletten und Handwaschmöglichkeiten dagegen fehlen oder nur eingeschränkt verfügbar sein.

Schreck Nr. 3: Vor zwei Jahren als Kunde in der größten Bank des Senegals hier in Dakar: Kundentoilette so dreckig, wie man es sich nicht vorstellen kann, kein Papier, keine Seife und auch wieder kein fließendes Wasser. Bei einer Bank mit Millionengewinnen.

Ein Waschbecken allein reicht nicht

Wer in Deutschland eine öffentliche Toilette benutzt, erwartet normalerweise, dass er anschließend seine Hände waschen kann. Ein Waschbecken gehört zur selbstverständlichen Ausstattung.

Doch auch ein Waschbecken ist noch kein Beweis für gute Hygiene. Es muss Wasser vorhanden sein, und Seife muss zur Verfügung stehen. Ein Wasserhahn ohne Wasser oder ein Waschbecken ohne Seife erfüllt seinen Zweck nur eingeschränkt.

Genau hier liegt eine Herausforderung in vielen Regionen, in denen die Wasserversorgung nicht überall zuverlässig ist. Wasser muss möglicherweise in Behältern transportiert werden. Es ist kostbar und wird im Haushalt für zahlreiche Zwecke benötigt. Wenn die Versorgung schwierig ist, kann das auch die regelmäßige Handhygiene beeinträchtigen.

Ein einfaches Handwaschsystem mit einem Wasserbehälter und Seife kann bereits eine Verbesserung darstellen. Dafür braucht es nicht zwingend ein modernes Badezimmer mit fließendem Wasser.

Entscheidend ist, dass die Möglichkeit zum Händewaschen tatsächlich vorhanden und nutzbar ist.

Händeschütteln: Eine Frage der Gewohnheit

Für Deutsche gehört das Händeschütteln bei einer Begrüßung häufig zum normalen sozialen Umgang. Man reicht sich die Hand, auch bei Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat.

Wer im Senegal lebt, wird schnell vorsichtiger. Wenn man nicht sicher ist, ob sich jemand nach dem Toilettengang die Hände mit Seife gewaschen hat, denkt man plötzlich über eine Geste nach, die in Deutschland kaum hinterfragt wird.

Allerdings wäre es falsch, daraus ein Urteil über die Menschen im Senegal abzuleiten. Auch in Deutschland halten sich längst nicht alle Menschen an die empfohlenen Hygieneregeln. Und im Senegal gibt es selbstverständlich viele Menschen, die sehr auf Sauberkeit achten.

Hinzu kommt, dass Händeschütteln nicht die einzige Form der Begrüßung ist. Je nach Situation, persönlicher Beziehung und kulturellem Umfeld begrüßen sich Menschen auch mit Worten, einem Nicken oder anderen Gesten.

Das Thema zeigt vor allem, wie eng Hygiene und soziale Gewohnheiten miteinander verbunden sind. Was in einem Land selbstverständlich ist, kann in einem anderen Land Fragen aufwerfen.

Hygiene und Krankheiten: Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung

Händehygiene ist keine Nebensache. Sie gehört zu den wichtigsten Maßnahmen, um die Übertragung bestimmter Infektionskrankheiten zu verhindern.

Besonders wichtig ist sie nach dem Toilettengang, vor der Zubereitung von Lebensmitteln und vor dem Essen. Gerade bei Durchfallerkrankungen können Krankheitserreger über verunreinigte Hände und Lebensmittel weitergegeben werden.

Sauberes Wasser, funktionierende Toiletten und die Möglichkeit, sich mit Seife die Hände zu waschen, sind deshalb wichtige Voraussetzungen für die öffentliche Gesundheit.

Dabei darf man nicht vergessen, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen: die Qualität des Trinkwassers, die sichere Entsorgung von Abwasser, die Lagerung von Lebensmitteln und der Schutz vor Insekten. Hygiene ist ein Gesamtsystem, nicht nur eine Frage des Waschbeckens.

Die gesundheitlichen Folgen fehlender Sanitärversorgung können besonders Kinder treffen. Durchfallerkrankungen können zu gefährlichem Flüssigkeitsverlust führen. In Regionen mit eingeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung können solche Erkrankungen schwer verlaufen.

Gute Hygiene kann viele Infektionen verhindern, aber nicht jede Krankheit lässt sich dadurch vermeiden.

Was Deutschland und Senegal voneinander lernen können

Deutschland verfügt über eine weitgehend flächendeckende Wasser- und Sanitärinfrastruktur. Das bedeutet jedoch nicht, dass Hygieneverhalten automatisch perfekt ist. Auch hier müssen Menschen daran erinnert werden, wann und wie sie ihre Hände waschen sollten.

Im Senegal liegt eine wichtige Herausforderung darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen: zuverlässige Wasserversorgung, saubere Toiletten, Seife und geeignete Handwaschmöglichkeiten.

Dafür braucht es nicht überall teure technische Anlagen. Auch einfache Lösungen können helfen, wenn sie zuverlässig funktionieren und von den Menschen akzeptiert werden.

Gleichzeitig sollte Hygieneaufklärung nicht belehrend sein. Es geht nicht darum, eine fremde Kultur zu kritisieren. Vielmehr muss deutlich werden, warum bestimmte Maßnahmen sinnvoll sind und wie sie sich unter den jeweiligen örtlichen Bedingungen umsetzen lassen.

Fazit: Hygiene beginnt mit den Möglichkeiten

Die Unterschiede zwischen Deutschland und Senegal zeigen, wie stark alltägliche Hygieneroutinen von der Infrastruktur geprägt werden.

Die Reinigung mit Wasser statt Toilettenpapier ist dabei nicht das eigentliche Problem. Entscheidend ist, ob sauberes Wasser und Seife zur Verfügung stehen und ob die Hände nach dem Toilettengang gründlich gereinigt werden können.

Wer im Senegal lebt, lernt, solche Unterschiede bewusster wahrzunehmen. Man überdenkt Gewohnheiten, die früher selbstverständlich waren, und erkennt, dass Hygiene nicht allein eine persönliche Entscheidung ist. Sie hängt auch davon ab, welche Möglichkeiten die Umgebung bietet.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Gute Hygiene sollte nicht vom Wohnort oder vom Einkommen abhängen. Sauberes Wasser, eine funktionierende Toilette und Seife zum Händewaschen sind grundlegende Voraussetzungen für Gesundheit und Würde.

Und jetzt noch ein Tipp für Urlauber: wenn ich länger unterwegs bin, habe ich immer Papier bei mir, ein Gel zum Händewaschen und Handdesinfektionsspray.

Joachim Abel

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