Wir sind ein Volk, vereint durch Gambia und Senegal

Wer Senegal oder Gambia verstehen will, kommt an der ethnischen Vielfalt der beiden Länder kaum vorbei. Wolof, Fulbe, Serer, Mandinka, Jola, Soninke und zahlreiche kleinere Bevölkerungsgruppen leben dort seit Jahrhunderten. Viele dieser Gruppen sind allerdings älter als die heutigen Staaten: Ihre historischen Siedlungsgebiete reichen über die Grenzen von Senegal und Gambia hinaus nach Guinea-Bissau, Guinea, Mali und Mauretanien. Die Region, die heute auf mehrere Staaten verteilt ist, wird deshalb historisch häufig als Senegambia bezeichnet.

Dabei ist Vorsicht mit dem Begriff „Ethnie“ angebracht. Historiker weisen darauf hin, dass die heutige Vorstellung klar voneinander abgegrenzter ethnischer Gruppen teilweise erst durch die Kolonialzeit verstärkt wurde. Im 19. Jahrhundert konnte die Identität eines Menschen ebenso stark durch Familie, Dorf, Abstammungslinie, Sprache oder lokale Herrschaft bestimmt sein wie durch eine übergeordnete ethnische Zugehörigkeit.

Auf die Idee, zusammen mit meiner KI, diesen Artikel zu schreiben, bin ich gestern beim Besuch des Afrikanischen Renaissance-Denkmal in Dakar gekommen. Dort gibt es auch Nachbildungen alter Vertreter von Ethnien. So auch ein männlicher Vertreter der FULA. Zu dieser Ethnie gehört auch meine Frau. Der Mann hatte einen „Helm“ mit Hörnern auf dem Kopf. Ich komme auch Schleswig-Holstein und kann davon ausgehen, dass meine Vorfahren eventuell Wikinger waren. Die trugen auch Helme mit Hörnern. Ich fand das irgendwie schon sehr interessant.

Im Folgenden beschreibe ich die wichtigsten Ethnien in Senegambia

1. Die Wolof – die prägende Bevölkerungsgruppe des Senegal

Die Wolof sind heute die größte ethnische Gruppe des Senegal. Ihr traditioneller Schwerpunkt liegt im Westen und Norden des Landes sowie im Großraum Dakar. Auch in Gambia stellen sie eine bedeutende Bevölkerungsgruppe.

Ihre historische Bedeutung geht weit über ihre heutige Bevölkerungszahl hinaus.

Das Jolof-Reich

Im Mittelalter entstand das Jolof-Reich, das zu den bedeutenden politischen Mächten der Region wurde. Im Laufe der Zeit entwickelten sich beziehungsweise verselbständigten sich daraus unter anderem die politischen Gebilde Waalo, Cayor, Baol, Sine und Saloum.

Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Staaten ethnisch homogen gewesen wären. Die politischen Herrschaften Senegambias waren immer von Migration, Eroberung, Heirat und kultureller Vermischung geprägt.

Wolof heute

Die besondere Bedeutung der Wolof besteht heute auch darin, dass Wolof zur wichtigsten Verkehrssprache des Senegal geworden ist. Ein Serer, ein Fulbe oder ein Mandinka kann seine eigene Muttersprache haben und im Alltag trotzdem Wolof verwenden.  Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen Ethnie und Sprache. Ein Mensch kann also beispielsweise ethnisch Serer sein, zu Hause Serer sprechen, mit einem Nachbarn Wolof sprechen und in einer Behörde Französisch benutzen. Das macht es für mich als Deutschen schwer, sich hier zu verständigen. Obwohl Französisch Amtssprache ist und auch in den Schulen gelehrt wird, gibt es ältere Menschen, die kein Französisch sprechen. Das heißt, wen n ich über Land reisen will, muss ich auch etwas Wolof verstehen und sprechen.

2. Die Lebou – die Menschen der Dakar-Halbinsel

Eine kleinere, aber historisch wichtige Gruppe sind die Lebou. Ihr traditionelles Gebiet liegt auf der Cap-Vert-Halbinsel, also auf dem Gebiet des heutigen Dakar. Die Lebou waren traditionell vor allem: Fischer, Bauern, Händler und Küstenbewohner.

Ihre Sprache steht dem Wolof sehr nahe. Deshalb werden die Lebou teilweise als eigene ethnische Gruppe und teilweise als eng mit den Wolof verbundene Bevölkerungsgruppe betrachtet.

Eine besondere Rolle spielt die Layène-Bruderschaft, eine islamische Bewegung, die im 19. Jahrhundert innerhalb der Lebou-Gesellschaft entstand. Damit besitzt Dakar neben seiner modernen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung auch eine eigene ältere religiöse und ethnische Geschichte.

3. Die Serer – zwischen Sine, Saloum und alter Tradition

Die Serer gehören zu den wichtigsten historischen Bevölkerungsgruppen des Senegal.

Ihr traditionelles Zentrum liegt im heutigen zentralen Westen des Landes, insbesondere in den Regionen Fatick, Sine und Saloum.

Die historischen Königreiche Sine und Saloum waren bedeutende politische Gebilde der Region. Beide entwickelten sich nach dem Zerfall beziehungsweise der Auflösung der politischen Vorherrschaft des Jolof-Reiches als eigenständige Königreiche.

Eine besondere religiöse Geschichte

Die Serer unterscheiden sich historisch dadurch, dass sie die Islamisierung lange Zeit nicht vollständig übernahmen. Ihre traditionelle Religion kennt unter anderem die Pangool, spirituelle Wesen beziehungsweise Ahnenfiguren, denen eine besondere Bedeutung zukommt. Heute sind die meisten Serer Muslime; daneben gibt es Christen und Menschen, bei denen Elemente traditioneller religiöser Vorstellungen weiterleben. Die Geschichte der Serer zeigt deshalb besonders gut, dass Ethnie und Religion nicht dasselbe sind.

4. Die Fulbe – ein Volk, das keine Staatsgrenzen kennt

Eine der größten und geografisch am weitesten verbreiteten Bevölkerungsgruppen Westafrikas sind die Fulbe. Je nach Region und Sprache werden sie unter anderem genannt: Fulbe, Fula, Fulani, Peul, Pulaar.

Ihr Siedlungs- und Kulturraum erstreckt sich vom Senegal über Gambia, Guinea, Mali und Burkina Faso bis nach Nigeria und weiter. Traditionell sind viele Fulbe mit Viehzucht verbunden. Aber das Klischee vom ausschließlich nomadischen Fulbe ist falsch.

Heute gibt es: sesshafte Fulbe, Bauern, Viehzüchter, Händler, Unternehmer, Beamte, Akademiker und Angehörige zahlreicher anderer Berufe.

Was mir aufgefallen ist, ist, dass viele Fulbe eine hellere Hautfarbe haben. Das könnte, so hat mir jemand gesagt, daraus die Nomaden sich früher mit den arabischen Nomaden vermischt haben.

5. Die Toucouleur – Fulbe, Pulaar und eine eigene Identität

Besonders kompliziert wird die Einordnung bei den Toucouleur, französisch Toucouleur, häufig auch Tukulor genannt. Sie leben hauptsächlich im Gebiet des Senegal-Flusses, insbesondere im historischen Fouta-Toro. Ihre Sprache gehört zur Pulaar/Fula-Sprachwelt. Je nach wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive werden Toucouleur als eigene ethnische Gruppe oder als Teil der größeren Fulbe/Pulaar-Welt betrachtet.

Historisch waren sie im Fouta-Toro politisch besonders bedeutend. Dort entstand eine islamisch geprägte Staatsordnung, die bis ins 19. Jahrhundert hinein eine wichtige Rolle spielte. Historische Forschungen beschreiben die sesshaften Fulbe/Toucouleur als politisch und zahlenmäßig dominierende Bevölkerungsgruppe des Fouta-Toro.

6. El Hadj Omar Tall und das 19. Jahrhundert

Mit der Geschichte der Toucouleur ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten Westafrikas im 19. Jahrhundert verbunden: El Hadj Omar Tall. Er war ein islamischer Gelehrter und militärischer Führer, der im 19. Jahrhundert ein weitreichendes Reich errichtete. Seine Macht erstreckte sich zeitweise über große Gebiete des heutigen Senegal und Mali.

Seine Geschichte zeigt, dass die politischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts nicht entlang der heutigen Staatsgrenzen verliefen. Die späteren französischen Kolonialgrenzen teilten einen politischen und kulturellen Raum auf, der zuvor ganz anders organisiert gewesen war.

7. Die Mandinka – Erben einer großen westafrikanischen Tradition

Die Mandinka, auch Mandingo oder Manding genannt, gehören zu den historisch bedeutendsten Bevölkerungsgruppen Westafrikas.

Ihr historischer Kulturraum umfasst unter anderem: Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Mali und Teile der Elfenbeinküste. Ihre Sprachen gehören zur Mande-Sprachfamilie.

Das Mali-Reich

Die Manding-Welt ist eng mit dem mittelalterlichen Mali-Reich verbunden. Dieses Reich entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert zu einer der mächtigsten politischen und wirtschaftlichen Mächte Westafrikas. Die Geschichte von Sundiata Keïta, dem legendären Gründer des Mali-Reiches, wurde über Jahrhunderte mündlich weitergegeben.

Dabei kommen die Griots beziehungsweise Jelis ins Spiel.

8. Die Griots – lebende Archive Westafrikas

Griots waren beziehungsweise sind Bewahrer mündlicher Tradition. Sie konnten sich über Generationen hinweg an: Familiengeschichten, Genealogien, Herrscher, Schlachten, politische Ereignisse, Heldengeschichten und historische Ereignisse erinnern.

Ihre Aufgabe bestand nicht einfach darin, „Geschichten zu erzählen“. In Gesellschaften, in denen ein großer Teil der Geschichte mündlich überliefert wurde, waren sie eine Art lebendes Archiv. Mit dieser Tradition ist auch die Kora verbunden, die heute zu den bekanntesten Musikinstrumenten Westafrikas gehört.

9. Die Mandinka in Gambia

In Gambia sind die Mandinka traditionell die größte Bevölkerungsgruppe. Nach dem offiziellen gambischen Zensus von 2013 stellten sie 34,4 Prozent der Bevölkerung. Es folgten Fula/Tukulor/Lorobo mit 24,1 Prozent, Wolof mit 14,8 Prozent und Jola mit 10,5 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf den Zensus 2013 und sollten nicht mit aktuellen Bevölkerungsanteilen gleichgesetzt werden.

Die heutige Regierung Gambias nennt die Mandinka ebenfalls als größte Gruppe, veröffentlicht auf ihrer aktuellen Website allerdings gerundete Angaben und spricht von mehr als 40 Prozent. Das zeigt bereits, warum bei ethnischen Prozentangaben immer Jahr, Definition und Quelle angegeben werden sollten.

10. Die Soninke – Händler zwischen Sahara und Westafrika

Die Soninke gehören ebenfalls zur Mande-Sprachfamilie. In Gambia werden sie häufig Sarahuleh/Sarahule genannt. Ihre historische Bedeutung reicht bis in das frühe Mittelalter zurück.

Wagadu und das „Ghana-Reich“

Die Soninke werden traditionell eng mit dem Reich Wagadu verbunden, das in der europäischen Geschichtsschreibung als Ghana-Reich bezeichnet wird. Wichtig: Dieses Ghana-Reich lag nicht im heutigen Staat Ghana. Es befand sich weiter westlich beziehungsweise nordwestlich, ungefähr im Gebiet des heutigen Mali und Mauretanien. Das Reich profitierte vom Handel zwischen den Goldgebieten Westafrikas und den Handelszentren der Sahara.

Die Soninke waren deshalb schon früh stark in Fernhandel und transsaharische Handelsnetzwerke eingebunden.

11. Der Islam kommt über viele Wege

Die Islamisierung Westafrikas wird häufig zu einfach dargestellt. Sie erfolgte nicht nur durch militärische Eroberungen. Eine wesentliche Rolle spielten: Händler, Gelehrte, islamische Schulen, Handelsstädte, Karawanen, Verbindungen nach Nordafrika.

Gerade bei den Soninke, Mandinka und anderen Handelsgesellschaften verbreitete sich der Islam über weitreichende Netzwerke. In anderen Regionen verlief die Islamisierung wesentlich später oder langsamer.

12. Die Jola – das Volk der Casamance

Die Jola, französisch häufig Diola, gehören zu den wichtigsten Bevölkerungsgruppen der Casamance. Ihr historischer Raum reicht von: südlichem Senegal über Gambia bis nach Guinea-Bissau. Damit sind sie ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass die heutigen Grenzen nicht mit den traditionellen Siedlungsgebieten übereinstimmen.

Reis und Landwirtschaft

Traditionell sind die Jola besonders mit dem Reisanbau verbunden. In der Casamance entstanden ausgeklügelte Formen des Nassreisanbaus. Daneben spielten Fischerei, Viehzucht und andere Formen lokaler Landwirtschaft eine Rolle. Anders als die großen zentralisierten Königreiche des nördlichen Senegal waren viele traditionelle Jola-Gesellschaften stärker dezentral organisiert.

13. Religion bei den Jola

Auch bei den Jola gibt es keine einheitliche religiöse Identität. Heute findet man: Muslime, Christen, Anhänger traditioneller Religionen. Gerade die Casamance ist deshalb religiös besonders vielfältig. Traditionelle Rituale und Vorstellungen sind teilweise bis heute erhalten.

14. Casamance – mehr als nur „Jola-Land“

Die Casamance wird häufig mit den Jola gleichgesetzt. Das greift jedoch zu kurz. Neben Jola leben dort unter anderem: Mandinka, Fulbe, Wolof, Bainuk, Balanta, Manjak, Mancagne und weitere Gruppen.

Die Region ist daher ein ethnisch und sprachlich ausgesprochen vielfältiger Raum.

Auch der jahrzehntelange Konflikt zwischen dem senegalesischen Staat und separatistischen Bewegungen darf nicht einfach als Konflikt „zwischen Jola und Senegal“ beschrieben werden. Ethnische Zugehörigkeit, politische Interessen, regionale Benachteiligung, Geschichte und wirtschaftliche Faktoren sind voneinander zu unterscheiden.

15. Die kleineren Völker der Casamance

Besonders interessant sind mehrere kleinere Bevölkerungsgruppen.

Bainuk

Die Bainuk gehören zu den älteren Bevölkerungsgruppen der Region. Ihre historischen Siedlungsgebiete liegen insbesondere im südlichen Senegal und in Guinea-Bissau.

Balanta

Die Balanta leben vor allem in Guinea-Bissau, aber auch in den angrenzenden Regionen Senegals und Gambias.

Manjak

Die Manjak beziehungsweise Manjack sind ebenfalls über Senegal, Gambia und Guinea-Bissau verteilt.

Mancagne

Auch die Mancagne/Mankanya leben grenzüberschreitend in diesem Raum.

Diese Gruppen zeigen besonders deutlich, dass Senegal, Gambia und Guinea-Bissau historisch einen zusammenhängenden Kulturraum bilden.

16. Die Bassari – eine kleine, aber außergewöhnliche Kultur

Im Südosten Senegals, insbesondere in der Region Kédougou, beginnt eine völlig andere kulturelle Welt. Hier leben unter anderem: Bassari, Bedik, Fulbe, Coniagui und weitere kleinere Gruppen.

Die UNESCO hat die Kulturlandschaft der Bassari, Fula und Bedik 2012 in die Welterbeliste aufgenommen.

Das Gebiet umfasst drei unterschiedliche Kulturlandschaften: Bassari – Salémata, Bedik – Bandafassi, Fula – Dindéfello

Die UNESCO beschreibt die dortigen Kulturen als Ergebnis einer jahrhundertelangen Anpassung an die Berg- und Savannenlandschaft.

17. Die Bedik

Die Bedik leben vor allem im Bergland um Bandafassi und das Iwol-Plateau. Ihre Siedlungen und ihre traditionelle Architektur unterscheiden sich deutlich von den großen Städten und Dörfern des westlichen Senegal. Traditionelle soziale, landwirtschaftliche und religiöse Praktiken spielen bis heute eine Rolle.

Die UNESCO bezeichnet die Region ausdrücklich als eine noch lebendige Kulturlandschaft und nicht lediglich als archäologisches Relikt.

18. Die Bassari

Die Bassari nennen sich selbst Beliyan; die Bezeichnung „Bassari“ stammt nach UNESCO-Angaben aus der Fula-Sprache. Ihre traditionelle Kultur umfasst komplexe: Initiationsriten, Altersgruppen, soziale Regeln, landwirtschaftliche Praktiken und religiöse Vorstellungen.

Besonders charakteristisch sind die traditionellen Siedlungs- und Landwirtschaftsformen.

Die UNESCO hebt unter anderem Terrassen, Reisfelder, Dörfer, heilige Orte und traditionelle soziale Strukturen hervor.

19. Die Völker Gambias

Gambia ist trotz seiner geringen Größe ethnisch sehr vielfältig. Der gambische Zensus von 2013 unterschied neun größere ethnische Kategorien sowie eine Sammelkategorie „andere“.

Damals entfielen:

Gruppe Anteil 2013
Mandinka 34,4 %
Fula/Tukulor/Lorobo 24,1 %
Wolof 14,8 %
Jola 10,5 %
Sarahule/Soninke 8,2 %
Serer 3,1 %
kleinere Gruppen einschließlich Aku/Kreolen u.a. Rest

Quelle: Gambia Bureau of Statistics, Census 2013.

Diese Zahlen sind keine aktuellen Werte für 2026. Sie sind aber eine brauchbare statistische Momentaufnahme der ethnischen Zusammensetzung Gambias.

20. Fula in Gambia

Die Fula leben besonders stark im Landesinneren und im Osten Gambias. Traditionell spielten Viehzucht und Handel eine wichtige Rolle. Wie im Senegal darf man jedoch nicht alle Fula als Nomaden betrachten. Viele gambische Fula leben seit Generationen sesshaft.

21. Wolof in Gambia

Die Wolof sind besonders in Banjul und im westlichen Gambia stark vertreten. Ihre Bedeutung ist größer, als es der reine Bevölkerungsanteil vermuten lässt. Wolof ist eine wichtige Sprache des städtischen und wirtschaftlichen Lebens in der Senegambia-Region.

22. Die Aku – eine besondere Geschichte

Eine kleine, aber historisch interessante Gruppe sind die Aku, teilweise auch Krio genannt. Ihre Geschichte hängt eng mit der britischen Kolonialgeschichte, Sierra Leone und der Befreiung von Sklaven zusammen. Die Aku wurden besonders in Banjul bedeutend.

Die gambische Regierung beschreibt sie als Nachkommen befreiter Sklaven sowie teilweise von europäischen Händlern und afrikanischen Frauen. Sie spielten unter anderem in Handel, Verwaltung und Bildung eine wichtige Rolle.

23. Sklavenhandel – eine gemeinsame Tragödie

Die Geschichte der Völker Senegambias kann nicht ohne den transatlantischen Sklavenhandel erzählt werden. Der Senegal- und der Gambia-Fluss wurden zu wichtigen Verkehrswegen des Handels. Menschen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen wurden gefangen, verkauft und über den Atlantik verschleppt.

Ein besonders bekanntes Zeugnis der Geschichte Gambias ist Kunta Kinteh Island, früher James Island, im Gambia-Fluss. Die Insel gehört heute zum UNESCO-Welterbe.

Der Sklavenhandel lässt sich dabei nicht einer einzigen ethnischen Gruppe zuordnen. Verschiedene afrikanische Gesellschaften waren in unterschiedlicher Weise beteiligt oder betroffen – als Opfer, Händler, politische Akteure oder Gegner des Handels.

24. Die politischen Reiche Senegambias

Um die Geschichte der Region zu verstehen, ist es hilfreich, sich einige historische Staaten und Herrschaftsgebiete zu merken:

Ghana/Wagadu

Historisch eng mit den Soninke verbunden.

Mali-Reich

Eng mit der Manding-Welt verbunden.

Jolof-Reich

Eine zentrale politische Macht im Senegal.

Cayor

Ein bedeutendes Wolof-geprägtes Königreich westlich des Jolof-Kerngebiets.

Baol

Historisch zwischen Wolof- und Serer-Räumen gelegen.

Sine

Ein wichtiges Serer-Königreich.

Saloum

Ein weiteres bedeutendes Serer-geprägtes Königreich.

Waalo

Am Senegal-Fluss gelegen und historisch von verschiedenen Gruppen geprägt.

Fouta-Toro

Ein bedeutendes Pulaar/Toucouleur-Gebiet am Senegal-Fluss.

Bundu

Ein historisches Reich im östlichen Senegalraum.

Kaabu

Ein bedeutendes Manding-Reich im Raum des heutigen Guinea-Bissau, Casamance und Gambia.

Fuladu

Ein späteres Fulbe-geprägtes Reich im Raum Gambia/Guinea-Bissau.

Diese politischen Einheiten hatten natürlich keine modernen Staatsgrenzen. Ihre Machtgebiete veränderten sich ständig.

25. Kaabu – das vergessene Manding-Reich

Besonders interessant ist das Kaabu-Reich. Sein Zentrum lag im heutigen nordwestlichen Guinea-Bissau, seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen reichten aber weit in den heutigen Senegal und nach Gambia. Kaabu entstand ursprünglich im Zusammenhang mit der Expansion des Mali-Reiches und entwickelte sich später zu einem eigenständigen mächtigen Manding-Staat.

Das Reich bestand über Jahrhunderte und wurde erst im 19. Jahrhundert durch islamische Kräfte besiegt.

Damit gehört Kaabu zu den wichtigsten Bindegliedern zwischen: Mali – Senegal – Gambia – Guinea-Bissau.

26. Warum die heutigen Grenzen so wenig erklären

Die modernen Grenzen sind im Wesentlichen ein Ergebnis der europäischen Kolonialgeschichte. Frankreich kontrollierte Senegal und Mali. Großbritannien kontrollierte Gambia. Portugal kontrollierte Guinea-Bissau.

Die Folge: Eine Bevölkerungsgruppe konnte plötzlich in zwei oder drei verschiedenen Kolonialgebieten leben. Das gilt beispielsweise für:

Jola: Senegal – Gambia – Guinea-Bissau

Mandinka: Senegal – Gambia – Guinea-Bissau – Guinea – Mali

Fulbe: Senegal – Gambia – Guinea – Mali und weitere Länder

Soninke: Senegal – Gambia – Mali – Mauretanien

Manjak: Senegal – Gambia – Guinea-Bissau

Die Menschen verschwanden natürlich nicht, nur weil eine koloniale Grenze gezogen wurde.

27. Religion und Ethnie sind zwei verschiedene Dinge

Heute sind Senegal und Gambia überwiegend muslimisch. Aber: Wolof ist keine Religion. Fulbe ist keine Religion. Jola ist keine Religion. Serer ist keine Religion. Eine ethnische Gruppe kann mehrere Religionen umfassen. Besonders deutlich wird das bei den Jola und Serer.

28. Die islamischen Bruderschaften des Senegal

Eine Besonderheit des Senegal ist die große Bedeutung der islamischen Sufi-Bruderschaften. Besonders wichtig sind: Mouridiyya, Tijaniyya, Qadiriyya und Layène

Die Mouridiyya ist eng mit Touba und dem Gründer Ahmadou Bamba verbunden.

Die Bruderschaften verlaufen dabei nicht einfach entlang ethnischer Grenzen. Ein Angehöriger der Wolof, Serer oder einer anderen Gruppe kann derselben Bruderschaft angehören. Religion schafft damit zusätzliche gesellschaftliche Netzwerke, die ethnische Grenzen teilweise überschreiten.

29. Die Sprache als verbindendes Element

In Westafrika ist es deshalb durchaus normal, dass ein Mensch mehrere sprachliche Identitäten besitzt.

Ein Beispiel aus Dakar:

Ethnische Herkunft: Serer
Familiensprache: Serer
Alltagssprache: Wolof
Amtssprache: Französisch

Oder in der Casamance:

Ethnische Herkunft: Jola
Familiensprache: Jola
Verkehrssprache: Wolof
Amtssprache: Französisch

Die Begriffe „Ethnie“, „Muttersprache“ und „Nationalität“ dürfen deshalb nicht gleichgesetzt werden.

30. Wie viele Ethnien gibt es überhaupt?

Eine genaue Zahl lässt sich nicht seriös nennen.

Die senegalesische Statistik verwendet in der aktuellen demografischen Erhebung Kategorien wie Wolof, Poular, Serer, Mandingue, Diola, Soninke, ausländische Ethnie und Sonstige. Die amtlichen Mikrodaten zeigen damit die wichtigsten Gruppen, aber nicht eine vollständige ethnografische Kartierung aller kleineren Gemeinschaften.

Außerdem werden kleinere Gruppen je nach Quelle unterschiedlich eingeordnet. Deshalb findet man in der Literatur unterschiedliche Angaben. Eine Aufstellung kann beispielsweise Jola, Bainuk, Manjak und Mancagne getrennt nennen, während eine andere sie in größeren sprachlichen oder regionalen Kategorien zusammenfasst.

31. Eine „Landkarte im Kopf“

Wer sich die ethnische Landschaft von Senegal und Gambia merken möchte, kann grob folgende Orientierung verwenden:

Atlantikküste / Dakar / Westen

→ vor allem Wolof und Lebou

Zentraler Westen

→ Wolof und Serer

Senegal-Flusstal

→ Pulaar/Fulbe/Toucouleur und Wolof, mit weiteren Gruppen

Nordosten / Osten

→ Fulbe/Pulaar, Soninke und Manding-Gruppen

Gambia-Fluss

→ Mandinka, Fula, Wolof, Jola, Soninke und weitere Gruppen

Casamance

→ vor allem Jola, daneben Mandinka, Bainuk, Balanta, Manjak, Mancagne, Fulbe und andere

Kédougou / Südosten

→ Bassari, Bedik, Fulbe und weitere kleinere Gruppen

Diese Darstellung ist eine Orientierung, keine ethnische Grenzkarte.

32. Das vielleicht wichtigste Ergebnis

Die Bevölkerungsgruppen Senegals und Gambias sind keine voneinander isolierten Völker. Sie haben: miteinander Handel getrieben, Kriege geführt, politische Bündnisse geschlossen, untereinander geheiratet, Religionen übernommen, Sprachen ausgetauscht, Herrscherhäuser gebildet, Migration erlebt und gemeinsame kulturelle Traditionen entwickelt.

Die Geschichte Senegambias ist deshalb weniger eine Geschichte einzelner Völker als eine Geschichte ihrer ständigen Begegnung.

Fazit: Zwei Staaten, ein historischer Kulturraum

Heute sind Senegal und Gambia zwei souveräne Staaten. Historisch betrachtet gehören sie jedoch zu einem wesentlich größeren Raum. Die Flüsse Senegal und Gambia waren keine Grenzen. Sie waren Verkehrswege. Die heutigen Grenzen zwischen Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea und Mali waren für die Menschen vergangener Jahrhunderte nicht die Grenzen ihrer kulturellen Welt.

Die Wolof, Serer, Fulbe, Toucouleur, Mandinka, Soninke, Jola und die vielen kleineren Gruppen entwickelten eigene Sprachen, Traditionen und politische Strukturen. Gleichzeitig standen sie über Jahrhunderte miteinander in Kontakt.

Vielleicht lässt sich die Geschichte Senegambias deshalb am besten mit einem Bild beschreiben:

Die heutigen Staaten sind politische Grenzen. Die ethnischen und kulturellen Räume sind wesentlich älter.

Und genau deshalb kann man die ethnische Landschaft des Senegal nicht verstehen, wenn man ausschließlich auf die Landkarte des heutigen Senegal schaut. Man muss Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Mali und teilweise auch Mauretanien mitdenken. Das ist die historische Welt von Senegambia.

Und noch eine persönliche Anmerkung: Ich kann die einzelnen Ethnien nicht unterscheiden. Für mich sind alle Menschen hier gleich freundlich. Aber meine Frau kann das. Ich wundere mich immer wieder, wie sie im Restaurant oder im Supermarkt sofort weiß, dass ihr Gegenüber auch ein oder eine Jola ist. Ein wichtiges Zeichen ist der Familienname, aber auch die Umgangssprache Wolof, in der sich dann Teile der eigenen ethnischen Sprache einfügen. Meine Frau ist hier übrigens für mich der ideale Dolmetscher: sie spricht gleich mehre ethnische Sprachen neben Wolof und Jola, sie spricht Kreolisch (Portugiesisch), Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch und jetzt natürlich auch Deutsch.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Agence Nationale de la Statistique et de la Démographie (ANSD), Senegal: Daten und Mikrodaten zur Demografie und zu ethnischen Kategorien.
  • Gambia Bureau of Statistics: Spatial Distribution of Population and Socio-Cultural Characteristics, Census 2013.
  • Patience Sonko-Godwin: Ethnic Groups of the Senegambia: A Brief History, Banjul, 1988. Das Werk behandelt insbesondere Mandinka, Wolof, Serer, Fula, Tukulor, Serahuli und Jola sowie deren Migrationen und Staatsbildungen.
  • Cambridge University Press: Forschungen zur ethnischen Identität in Senegambia und zur Geschichte der vorkolonialen Staaten.
  • UNESCO: Bassari Country: Bassari, Fula and Bedik Cultural Landscapes.
  • Wiley / Mamadou Fall: Überblick zur Geschichte des Kaabu-Reiches.

 

Die angezeigte KI-generierte Karte hat einige geografische Fehler. Sie dient aber nur zur grafischen Erklärung der Verbreitung der Ethnien und Sprachen.

Joachim Abel unter Mithilfe einer KI

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