Die Veranstaltung „UN Town Hall: The Next Secretary-General“ wurde vom Büro der Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, gemeinsam mit Bloomberg organisiert. Diplomaten, UN-Mitarbeitende und Vertreter der Zivilgesellschaft befragten die Bewerber zu blockierten Friedensprozessen, der Finanzkrise der Organisation und strukturellen Reformen.
Sall nutzte seinen Auftritt, um die Arbeitsweise der Vereinten Nationen grundlegend zu hinterfragen. Die Organisation arbeite derzeit mit rund 40.000 Mandaten und halte jährlich mehr als 27.000 Sitzungen ab.
Diese Zahlen seien Ausdruck eines Systems, das seine Effizienz verloren habe. Künftig müsse stärker bewertet werden, welche Maßnahmen tatsächlich Wirkung entfalten. Reformen dürften sich zudem nicht nur auf das UN-Sekretariat beschränken, sondern müssten die Mitgliedstaaten zwingend einbeziehen.
Gleichzeitig warb Sall für eine umfassende digitale Transformation der Organisation. Künstliche Intelligenz und moderne Technologien sollten helfen, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und die Handlungsfähigkeit der UN zu stärken. Am Ende einer möglichen Amtszeit wolle er eine Organisation hinterlassen, „die an sich selbst glaubt, die effektiv ist und ihre digitale Transformation erfolgreich bewältigt hat“.
Seine Rolle als künftiger Generalsekretär beschrieb er mit einem musikalischen Bild: Die UN sei wie eine Orgel mit vielen unterschiedlichen Klängen, die nur durch koordinierende Führung harmonisch zusammenwirken könnten. „Wenn die UN ein Instrument wäre, könnte ich im Namen der Mitgliedstaaten eine schöne Musik spielen“, sagte Sall.
Ein zentrales Thema des Town Halls war die zunehmende Blockade im UN-Sicherheitsrat. Die Gegensätze zwischen den fünf ständigen Mitgliedern China, Frankreich, Großbritannien, Russland und den USA führen regelmäßig zu politischen Stillständen.
Sall betonte, dass gerade in solchen Situationen die Rolle des Generalsekretärs entscheidend sei. Er müsse in der Lage sein, mit allen Konfliktparteien im Gespräch zu bleiben und „Korridore des Dialogs“ offen zu halten.
Als Beispiel verwies er auf seine Zeit als Vorsitzender der Afrikanischen Union nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Trotz Kritik habe er sowohl Gespräche mit Präsident Wladimir Putin in Sotschi als auch mit der ukrainischen Führung geführt. Besonders afrikanische Staaten seien von blockierten Getreideexporten und steigenden Düngemittelpreisen betroffen gewesen.
Der fortgesetzte Dialog mit allen Seiten sei Voraussetzung für glaubwürdige Vermittlung, so Sall. Zugleich müsse der Generalsekretär transparent handeln, um Vertrauen der Mitgliedstaaten zu sichern und nicht als Vertreter einzelner Machtblöcke wahrgenommen zu werden. Er positionierte sich damit klar als „Brückenbauer“ zwischen globalen Interessen.
Auch die wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen Industrie- und Entwicklungsländern rückten in den Fokus seiner Ausführungen. Auf eine Frage aus Simbabwe verwies Sall auf die hohen Finanzierungskosten vieler Staaten des Globalen Südens. „Entwicklungsländer haben fünf- oder sogar achtmal höhere Kreditkosten als entwickelte Länder“, sagte er. Ursache seien unter anderem Risikoprämien und strenge Garantieanforderungen auf den internationalen Finanzmärkten.
Sall forderte daher einen strukturierten Dialog zwischen Staaten, Finanzinstitutionen und Ratingagenturen. Ziel müsse ein gerechterer Zugang zu Kapital sein, der Investitionen in Entwicklung ermögliche. Öffentliche Mittel reichten nicht mehr aus, weshalb privates Kapital stärker mobilisiert werden müsse – allerdings abgesichert durch internationale Garantien und Partnerschaften.
Sechs Kandidaten im Rennen um die UN-Spitze
Neben Macky Sall bewerben sich fünf weitere Persönlichkeiten um die Nachfolge von António Guterres: die frühere chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, der IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi, UNCTAD-Generalsekretärin Rebeca Grynspan aus Costa Rica, die frühere UN-Generalversammlungspräsidentin María Fernanda Espinosa aus Ecuador sowie Guyanas UN-Botschafterin Carolyn Rodrigues Birkett.
Vier der sechs Kandidierenden sind Frauen. Seit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 wurde das Amt des Generalsekretärs ausschließlich von Männern bekleidet.
Salls Kandidatur wurde am 2. März 2026 von Burundi eingereicht und inzwischen auch offiziell von der senegalesischen Regierung unterstützt. Präsident Bassirou Diomaye Faye sicherte ihm nach einem Treffen am 17. Juli die volle Rückendeckung zu und mobilisierte das diplomatische Netzwerk des Landes.
Der UN-Sicherheitsrat wird am 30. Juli eine erste geheime Probeabstimmung durchführen. Anschließend empfiehlt er einen Kandidaten, über dessen Ernennung die Generalversammlung entscheidet.
António Guterres beendet seine zweite Amtszeit am 31. Dezember 2026. Seine Nachfolge tritt am 1. Januar 2027 an.
Joachim Abel