Die sechste informelle Abstimmung am 16. Oktober brachte erstmals Klarheit darüber, wie die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats zu den Bewerbern stehen. Erstmals wurden farblich gekennzeichnete Stimmzettel verwendet, um die Stimmen der Vetomächte von denen der zehn gewählten Ratsmitglieder zu unterscheiden.
Das Ergebnis zeigt eine ungewöhnliche Situation: Keiner der sieben Bewerber erhielt die uneingeschränkte Unterstützung der fünf ständigen Mitglieder China, Frankreich, Großbritannien, Russland und USA.
Die Costa-Ricanerin Rebeca Grynspan, Generalsekretärin der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), erhielt neun positive Stimmen, fünf ablehnende Stimmen und eine Enthaltung im Sinne von „keine Meinung“. Zwei der ablehnenden Stimmen kamen von ständigen Ratsmitgliedern.
Der Argentinier Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), und Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana, UN-Botschafterin ihres Landes, erhielten jeweils acht positive und sechs ablehnende Stimmen sowie eine Stimme ohne Meinungsäußerung. Auch gegen beide Kandidaturen votierten jeweils zwei Vetomächte.
Für eine formelle Empfehlung an die UN-Generalversammlung sind mindestens neun Stimmen im Sicherheitsrat erforderlich. Zudem darf keines der fünf ständigen Mitglieder ein Veto einlegen.
Die Ergebnisse stellen den Sicherheitsrat vor eine Situation, die sich von früheren Auswahlverfahren unterscheidet. Bei bisherigen Entscheidungen über einen neuen UN-Generalsekretär hatte kein schließlich ernannter Kandidat in den farblich gekennzeichneten Abstimmungen mehr als eine ablehnende Stimme eines ständigen Ratsmitglieds erhalten.
Kofi Annan war 1996 zunächst auf den Widerstand einer Vetomacht gestoßen. Nachdem diese ihre Ablehnung aufgegeben hatte, wurde der Ghanaer vom Sicherheitsrat empfohlen und anschließend zum Generalsekretär ernannt.
Ban Ki-moon und António Guterres erhielten in den entsprechenden Abstimmungen keine ablehnenden Stimmen von ständigen Mitgliedern.
Im aktuellen Auswahlverfahren müssten dagegen selbst die drei Bewerber mit der größten Unterstützung mindestens zwei Vetomächte zu einer Änderung ihrer Position bewegen. Alternativ könnten weitere Kandidaten in das Rennen eintreten.
Joachim Abel