Wenn man im Senegal lebt, beschäftigt man sich auch mit der Geschichte des Landes und der Region Westafrika. Und dabei ist mir Folgendes aufgefallen: Wer heute auf eine Landkarte (West-) Afrikas schaut, findet gleich mehrere Länder, deren Namen mit „Guinea“ zu tun haben: Guinea, Guinea-Bissau und Äquatorialguinea. Dazu kommen im amerikanischen Kontinent Guyana und Französisch-Guayana. Und irgendwo weit entfernt im Pazifik liegt sogar Papua-Neuguinea.
Was haben diese Länder miteinander zu tun?
Überraschenderweise sehr wenig – jedenfalls geografisch.
Der gemeinsame Nenner ist ein alter Name, der ursprünglich eine große Region Westafrikas bezeichnete. Und gerade hier im Senegal bekommt man ein Gefühl dafür, wie groß diese historische „Guinea“ eigentlich einmal war.
Guinea war ursprünglich kein Land
„Guinea“ bezeichnete ursprünglich keinen Staat mit festgelegten Grenzen. Der Name war vielmehr eine europäische Bezeichnung für große Teile der westafrikanischen Küste.
Wie der Name selbst entstanden ist, lässt sich bis heute nicht mit letzter Sicherheit klären. Historiker und Sprachwissenschaftler haben mehrere Erklärungen vorgeschlagen. Eine ältere und lange verbreitete Theorie führt den Namen auf Djenné bzw. Jenne im heutigen Mali zurück, ein bedeutendes Handelszentrum am Niger. Andere Erklärungen sehen einen Zusammenhang mit nordwestafrikanischen bzw. berberischen Bezeichnungen für die schwarzafrikanische Bevölkerung. Auch weitere afrikanische Orts- und Volksnamen wurden als Ursprung vorgeschlagen. Die historische Forschung ist sich bei der Etymologie deshalb keineswegs einig.

Fest steht dagegen: Spätestens im europäischen Kartenbild des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit wurde „Guinea“ zu einem geografischen Begriff für Teile Westafrikas. Portugiesische Seefahrer verwendeten die Bezeichnung besonders häufig, als sie im 15. Jahrhundert die westafrikanische Küste immer weiter nach Süden erkundeten.
Dazu gehört natürlich auch, dass die Küste bis heute „Golf von Guinea“ genannt wird.
Wie groß war „Guinea“?
Die Grenzen waren nie eindeutig. Je nach Zeit und Autor konnte „Guinea“ etwas anderes bedeuten.
In einer weiten historischen Definition reichte die Guinea-Küste vom Gebiet des heutigen Gambia bzw. Senegal im Norden bis weit nach Zentralafrika. Historische Darstellungen unterteilten sie teilweise in „Upper Guinea“ und „Lower Guinea“. Eine historische Beschreibung aus dem frühen 20. Jahrhundert nennt sogar einen Bereich vom Gambia bis zur Gegend des heutigen Gabun und weiter südlich.
Das bedeutet:
Das heutige Senegal lag zumindest teilweise im historischen Guinea-Begriff.
Das ist auf alten Karten besonders eindrucksvoll zu sehen. Eine französische Karte von 1771 bezeichnet beispielsweise eine riesige Region als „Guinee“ und schließt darin unter anderem Senegal, die Kapverdischen Inseln, die eigentliche Guineaküste, Loango, Kongo, Angola und Benguela ein.
Mit unserem heutigen Verständnis von Staaten und Grenzen darf man diese Karte allerdings nicht lesen. Damals ging es nicht um die heutigen Nationalstaaten, sondern um eine sehr große historische und geografische Region.
Von Guinea zu Guinea-Bissau
Warum heißt dann das heutige Guinea-Bissau so?
Die Antwort liegt in der Kolonialgeschichte.
Portugal errichtete an der westafrikanischen Küste seine Besitzungen. Das Gebiet des heutigen Guinea-Bissau wurde schließlich als Portugiesisch-Guinea bekannt. Der Name „Guinea“ war also bereits vorhanden. Nach der Unabhängigkeit musste man das Land von der benachbarten Republik Guinea unterscheiden.
Deshalb wurde aus dem früheren Portugiesisch-Guinea: Guinea-Bissau. „Bissau“ stammt dabei vom Namen der Hauptstadt.
Das heutige Guinea dagegen war französisches Kolonialgebiet und wurde als Französisch-Guinea bezeichnet. Beide Länder waren also einst Teile derselben großen historischen Guinea-Region, wurden aber später von unterschiedlichen europäischen Kolonialmächten verwaltet.
Das erklärt auch eine Besonderheit der heutigen Landkarte. Wenn man vom Senegal nach Süden fährt, kommt man zunächst nach Gambia, anschließend nach Guinea-Bissau und schließlich nach Guinea.
Heute sind das vier verschiedene Staaten beziehungsweise Gebiete mit unterschiedlichen politischen Geschichten.
Historisch betrachtet liegen sie jedoch in einem Raum, den europäische Kartenmacher über Jahrhunderte hinweg mit ähnlichen Begriffen beschrieben.
Gerade deshalb ist die heutige Grenze zwischen Senegal, Gambia, Guinea-Bissau und Guinea historisch betrachtet relativ jung.
Und warum heißt es „Äquatorialguinea“?
Noch ein Guinea – diesmal weiter südlich. Äquatorialguinea liegt überhaupt nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zum heutigen Staat Guinea. Das Land liegt an der zentralafrikanischen Atlantikküste zwischen Kamerun und Gabun. Der Grund für den Namen ist wiederum die Kolonialgeschichte.
Das Gebiet war spanische Kolonie und wurde als Spanisch-Guinea bezeichnet. Nach der Unabhängigkeit 1968 erhielt der neue Staat den Namen Äquatorialguinea.
Das „Guinea“ im Namen erinnert also nicht an das heutige Guinea, sondern an die ältere europäische Bezeichnung der west- und zentralafrikanischen Küstenregion.
Damit haben wir bereits drei Staaten:
Guinea – Guinea-Bissau – Äquatorialguinea
Sie liegen heute teilweise weit auseinander, tragen aber aus historischen Gründen denselben Namensbestandteil.
Dann kam „Neuguinea“
Warum heißt eine riesige Insel nördlich von Australien Neuguinea? Mit Afrika hat sie eigentlich nichts zu tun.
Der spanische Seefahrer Íñigo Ortiz de Retes gab der Insel im 16. Jahrhundert den Namen „Nueva Guinea“ – Neuguinea. Die europäische Benennung beruhte auf der Vorstellung einer Ähnlichkeit zwischen den Bewohnern der Insel und den Menschen, die Europäer aus der afrikanischen Guinea-Region kannten. Die Bezeichnung setzte sich anschließend in der europäischen Kartografie durch.
Damit wurde ein afrikanischer Name einfach auf einen völlig anderen Erdteil übertragen. Guinea → Neuguinea. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie europäische Entdecker geografische Namen von einem bereits bekannten Ort auf einen neuen Ort übertrugen.
Und was haben Guyana und Guayana damit zu tun?
In Südamerika liegt Guyana. Daneben gibt es Suriname und Französisch-Guayana.
Der historische Begriff Guayana/Guiana bezeichnete eine große Region im Nordosten Südamerikas.
Auch hier ist die genaue Herkunft des Namens nicht völlig geklärt. Es gibt verschiedene Erklärungen, die auf indigene Sprachen und Bevölkerungsgruppen zurückgehen. Sicher ist aber: „Guiana“ und „Guinea“ sind historisch nicht einfach zwei zufällig gleich klingende Namen – sie wurden in der europäischen Entdeckungsgeschichte in einen Zusammenhang gebracht und teilweise sogar miteinander verwechselt.
Historisch gab es dort:
- Britisch-Guayana
- Niederländisch-Guayana
- Französisch-Guayana
- Spanisch-Guayana
- Portugiesisch-Guayana
Heute erinnern vor allem Guyana und Französisch-Guayana an diese Geschichte.
Die „Guinea-Familie“ auf der Weltkarte
Damit ergibt sich eine erstaunliche geografische Namensgeschichte:
Westafrika
→ historische Guinea-Küste
→ heutiges Guinea
→ Guinea-Bissau
→ Äquatorialguinea
Südamerika
→ Guayana/Guiana
→ Guyana
→ Französisch-Guayana
Pazifik
→ Neuguinea
→ Papua-Neuguinea
Die Länder liegen Tausende Kilometer auseinander.
Der gemeinsame Zusammenhang ist vor allem die Geschichte europäischer Kartografie, Seefahrt und Kolonialzeit.
Eine berühmte Münze trägt ebenfalls den Namen Guinea
Sogar eine britische Goldmünze verdankt ihren Namen dieser Geschichte.
Die Guinea war eine britische Goldmünze, die ab dem 17. Jahrhundert geprägt wurde. Ihr Name kam daher, dass das Gold beziehungsweise der Handel, mit dem die Münze verbunden war, aus der afrikanischen Guinea-Region stammte. Die Münze wurde von 1663 bis ins frühe 19. Jahrhundert verwendet.
Der Name „Guinea“ war also in Europa zeitweise nicht nur ein geografischer Begriff, sondern wurde auch zum Namen einer der bekanntesten britischen Goldmünzen.
Und was bedeutet das für den Senegal?
Für mich ist gerade das besonders interessant. Wenn man heute im Senegal lebt, denkt man beim Wort „Guinea“ zunächst wahrscheinlich an das Nachbarland im Süden.
Historisch war „Guinea“ jedoch sehr viel größer.
Die europäische Guinea-Küste begann in manchen historischen Darstellungen ungefähr im Bereich des heutigen Senegal und Gambia und zog sich über Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone, Liberia, Côte d’Ivoire, Ghana, Togo, Benin und Nigeria bis weit nach Zentralafrika. Die genaue Ausdehnung änderte sich allerdings je nach Epoche und Karte.
Das heutige Guinea ist deshalb gewissermaßen nur ein kleiner politischer Nachfolger eines sehr viel größeren historischen Namensraumes.
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser kleinen Reise durch die Geschichte:
Ein einziges Wort auf einer alten europäischen Karte hat die Welt überquert.
Von der westafrikanischen Küste gelangte „Guinea“ in die Namen von Ländern in Afrika, nach Südamerika und schließlich sogar auf eine Insel im Pazifik.
Wenn man also heute „Papua-Neuguinea“ liest, steckt darin – über viele Jahrhunderte und viele Irrtümer der europäischen Entdeckungsgeschichte hinweg – tatsächlich noch ein kleines Stück Westafrika.
Joachim Abel