Schwanger mit 16 – wenn Aufklärung fehlt – Junge Mütter, fehlendes Wissen und die Frage, wer eigentlich Verantwortung trägt

Es gibt Dinge, die einem erst auffallen, wenn man längere Zeit in einem anderen Land lebt. Eine davon ist für mich die große Zahl sehr junger Mütter, denen man im Senegal begegnet. Junge Frauen mit kleinen Kindern, teilweise selbst noch kaum erwachsen. Und der Vater ist weit und breit nicht zu sehen. Natürlich ist das zunächst nur eine persönliche Beobachtung und keine Statistik.

Aber diese Beobachtung hat mich zu einer Frage gebracht:

Wie gut werden junge Menschen im Senegal eigentlich über Sexualität, Schwangerschaft und Verhütung aufgeklärt?

Ich bin selber 68 Jahre alt und kenne „junge Mütter“ noch aus meiner Jugend. Damals war Sexualität noch mit einem Stigma behaftet. Eltern mieden das Thema und auch in der Schule fanden sich nur wenige LehrerInnen, die sich dem Thema annehmen wollten. Dabei erinnere ich mich noch an meinen eigenen Sexualkundeunterricht: alles schematisch, alles theoretisch. Gefühle usw. kamen da nicht vor.

Jetzt also Senegal: Und bei näherer Betrachtung wird daraus wieder eine gesellschaftliche Frage, so wie früher in Deutschland.

Denn eine frühe Schwangerschaft kann für ein junges Mädchen weitreichende Folgen haben: Sie kann die Schule oder Ausbildung unterbrechen, die beruflichen Möglichkeiten einschränken und die junge Mutter wirtschaftlich von ihren Eltern abhängig machen.

Wenn dann auch noch der Vater des Kindes nicht oder nur unzureichend für sein Kind sorgt, kann aus einer frühen Schwangerschaft sehr schnell ein Leben in Armut werden.

Die Zahlen zeigen: Das Problem ist real

Der Senegal ist keineswegs das einzige Land, in dem Jugendliche früh Eltern werden. Aber die Zahlen zeigen, dass frühe Schwangerschaften auch hier ein erhebliches Thema sind.

Nach aktuellen Daten der UNFPA kommen im Senegal rund 67 Geburten auf 1.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren.

Gleichzeitig verwenden nur rund 20 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren moderne Verhütungsmethoden. Bei verheirateten oder in einer Partnerschaft lebenden Frauen liegt der Anteil bei etwa 28 Prozent.

Das bedeutet natürlich nicht, dass alle übrigen Frauen keine Verhütung wollen. Manche möchten schwanger werden, andere verwenden traditionelle Methoden oder verhüten zeitweise.

Aber die Zahlen zeigen, dass moderne Familienplanung noch längst nicht selbstverständlich ist.

Besonders interessant sind die Jugendlichen

Eine 2025 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung auf Grundlage der senegalesischen Demographic and Health Survey 2023 kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis.

Von den untersuchten Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren hatten 19,33 Prozent bereits Geschlechtsverkehr. 10,77 Prozent berichteten von sexuellen Kontakten innerhalb der vergangenen vier Wochen.

Aber nur 2,05 Prozent der untersuchten Jugendlichen verwendeten zum Zeitpunkt der Befragung eine moderne Verhütungsmethode.

Das ist eine Zahl, die nachdenklich machen muss.

Denn sie zeigt: Zwischen sexueller Aktivität und tatsächlicher Verhütung klafft eine gewaltige Lücke.

„Beim ersten Mal kann man doch nicht schwanger werden“

Genau hier beginnt für mich das eigentliche Problem.

Bei Gesprächen mit jungen Menschen entsteht der Eindruck, dass grundlegendes Wissen über Sexualität und Schwangerschaft nicht überall selbstverständlich ist. Eine der gefährlichsten Vorstellungen ist die Annahme, dass eine Schwangerschaft beim „ersten Mal“ nicht entstehen könne.

Das ist schlicht falsch.

Eine Frau kann bereits beim ersten Geschlechtsverkehr schwanger werden.

Für eine Schwangerschaft spielt es keine Rolle, ob es das erste Mal oder das hundertste Mal ist. Entscheidend ist, ob Spermien während der fruchtbaren Phase eine Eizelle befruchten können.

Auch die Vorstellung, dass man „nur einmal“ ungeschützten Geschlechtsverkehr haben könne, ohne dass etwas passiert, ist gefährlich.

Es gibt keinen sicheren „einmaligen“ ungeschützten Geschlechtsverkehr.

Aufklärung bedeutet nicht: Erlaubnis zum Sex

Hier liegt möglicherweise eines der größten Missverständnisse. Sexualaufklärung wird in konservativen Gesellschaften schnell mit der Aufforderung zum Sex verwechselt. Und da unterscheiden sich muslimische und christliche Familien im Senegal nicht voneinander.

Aber das ist nicht dasselbe. Man kann Jugendlichen sagen: „Du solltest mit dem Geschlechtsverkehr warten.“ Und gleichzeitig: „Wenn du irgendwann Geschlechtsverkehr hast, musst du wissen, wie eine Schwangerschaft entsteht und wie du dich davor schützen kannst.“

Beide Aussagen widersprechen sich nicht.

Im Gegenteil: Wer junge Menschen wirklich schützen will, muss ihnen Wissen geben.

Warum sprechen Eltern nicht darüber?

Der Senegal ist stark von Religion und Familie geprägt. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch, daneben gibt es eine christliche Minderheit. In beiden Religionen spielen Ehe und Familie eine große Rolle. Sexualität außerhalb der Ehe ist deshalb für viele Eltern kein Thema, über das sie mit ihren Kindern offen sprechen möchten.

Man kann diese Haltung verstehen.

Eltern wollen ihre Töchter und Söhne schützen. Sie möchten nicht den Eindruck erwecken, vorehelichen Geschlechtsverkehr zu akzeptieren. Doch genau hier entsteht ein Dilemma:

Wenn Jugendliche tatsächlich Geschlechtsverkehr haben, verschwinden Schwangerschaft und Infektionsrisiken nicht dadurch, dass Erwachsene nicht darüber sprechen.

Das Schweigen beseitigt das Problem nicht. Es beseitigt lediglich das Wissen darüber.

Die Schule könnte eine wichtige Rolle spielen

Eigentlich müsste die Schule einen Teil dieser Aufgabe übernehmen. Doch auch hier gibt es Grenzen.

Der Zugang zu höheren Schulen ist im Senegal längst nicht für alle Jugendlichen selbstverständlich. Nach UNFPA-Daten lag die Netto-Einschulungsrate 2017–2024 in der Primarstufe bei 76 Prozent, in der unteren Sekundarstufe aber nur bei 35 Prozent und in der oberen Sekundarstufe bei lediglich 17 Prozent.

Das bedeutet: Je älter die Jugendlichen werden, desto größer wird die Gruppe, die das reguläre Bildungssystem bereits verlassen hat.

Gerade diese Jugendlichen brauchen aber Informationen.

Und der Staat?

Hier muss man mit einem Vorurteil aufräumen. Der Senegal hat durchaus staatliche Programme zur Familienplanung und zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit.

Das Gesundheitsministerium hat einen strategischen Plan für die reproduktive, mütterliche, kindliche und jugendliche Gesundheit für 2024 bis 2028 verabschiedet. Ein eigener Schwerpunkt ist die Verbesserung der Gesundheit von Jugendlichen und jungen Menschen. Daneben gibt es einen nationalen Aktionsplan für Familienplanung 2024–2028.

Auch die UNFPA arbeitet im Senegal seit Jahrzehnten an Familienplanung und reproduktiver Gesundheit. Dabei werden ausdrücklich auch traditionelle und religiöse Führungspersönlichkeiten einbezogen, um kulturelle und religiöse Widerstände gegen moderne Verhütung abzubauen.

Und seit 2026 läuft die zweite Phase des Projekts SANSAS zur reproduktiven Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die erste Phase hatte laut der senegalesischen Nachrichtenagentur APS mehr als 106.000 Beratungen für Jugendliche und junge Erwachsene ermöglicht.

Es wäre deshalb falsch zu sagen: „Der Staat tut nichts.“  Er tut durchaus etwas.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Erreicht die Aufklärung auch diejenigen Jugendlichen, die sie am dringendsten brauchen?

Verhütung gibt es im Senegal

Auch hier gibt es einen interessanten Gegensatz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Wer in eine Apotheke geht, findet grundsätzlich verschiedene Verhütungsmöglichkeiten.

Dazu gehören unter anderem:

  • Kondome
  • die Antibabypille
  • hormonelle Injektionen
  • Implantate
  • Spiralen
  • Methoden der Notfallverhütung

Die Auswahl hängt allerdings davon ab, welche Methode verfügbar ist und welche medizinischen Voraussetzungen bestehen.

Für eine junge Frau ist außerdem nicht jede Methode gleichermaßen geeignet. Deshalb ist eine Beratung durch medizinisches Fachpersonal sinnvoll.

Was in Deutschland heute eigentlich selbstverständlich ist, nämlich, dass eine Mutter mit ihrer Tochter zum Frauenarzt geht, ist im Senegal eher unüblich.

Was kostet Verhütung?

Die Preise können je nach Region, Einrichtung, Produkt und Zeitpunkt unterschiedlich sein. Historische Untersuchungen zeigen aber, dass Familienplanung im Senegal teilweise sehr günstig angeboten wurde. Eine wissenschaftliche Untersuchung berichtete beispielsweise von staatlich festgelegten Preisen von 100 CFA für bestimmte Pillenpackungen und 200 CFA für bestimmte Injektionen – allerdings stammen diese Preisangaben aus einer älteren Untersuchung und sind deshalb nicht als heutige Apothekenpreise zu verstehen.

Die wichtige Aussage bleibt dennoch:

Verhütung muss nicht zwangsläufig teuer sein.

Das größere Problem können Beratung, Erreichbarkeit, Scham, fehlende Informationen oder der Widerstand des Partners sein.

Ein entscheidender Punkt: Verhütung ist nicht nur Frauensache

Hier sehe ich einen der größten gesellschaftlichen Fehler. Wenn eine junge Frau schwanger wird, wird häufig zuerst gefragt: „Warum hat sie nicht verhütet?“ Aber warum wird nicht genauso gefragt: „Warum hat er nicht verhütet?“

Ein Mann kann ein Kondom benutzen. Er kann sich informieren. Er kann mit seiner Partnerin über Verhütung sprechen. Und vor allem kann er Verantwortung übernehmen.

Eine Schwangerschaft ist normalerweise das Ergebnis der sexuellen Beteiligung von zwei Menschen. Deshalb sollte auch die Aufklärung beide Geschlechter erreichen.

Was passiert, wenn der Vater verschwindet?

Hier wird es sozial und rechtlich interessant, denn das der Vater verschwindet, ist durchaus die Regel. Es kommt zwar vor, dass Frauen mit unehelichem Kind später heiraten, aber nicht den Vater des Kindes. Deshalb auch meine persönliche Beobachtung, dass eine junge Mutter im Senegal bei einer Schwangerschaft stark auf ihre eigene Familie angewiesen sein kann.

Schon die Geburt kostet Geld, wie fast alle gesundheitlichen Leistungen. Hochschwangere Frauen werden von der Klinik abgewiesen, wenn sie kein Geld haben. ich habe selbst schon mal eine Geburt bezahlt, weil die Mutter kein Geld hatte und der Vater „unbekannt“ war.

Ansonsten helfen Eltern und Großeltern bei der Betreuung des Kindes.

Aber was ist mit dem Vater? 

Man sollte nicht verallgemeinern. Viele senegalesische Männer kümmern sich selbstverständlich um ihre Kinder.

Aber wenn ein Vater sich seiner Verantwortung entzieht, kann die Situation für eine junge Mutter dramatisch werden.

Dabei ist die Rechtslage interessanterweise nicht so einfach, wie man zunächst denken könnte.

Der Senegal kennt rechtliche Verfahren zur Feststellung der Vaterschaft. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Mutter beziehungsweise das Kind vor Gericht eine sogenannte „indication de paternité“ erreichen und daraus können Unterhaltsansprüche entstehen.

Das bedeutet:

Es stimmt nicht, dass eine unverheiratete Mutter grundsätzlich ohne rechtliche Möglichkeiten gegenüber dem Vater dasteht.

Das Problem ist vielmehr: Eine junge Frau muss ihre Rechte kennen und sie auch durchsetzen können. Und genau daran kann es fehlen.

Eine Schwangerschaft kann Armut verstärken

Das ist wahrscheinlich der wichtigste soziale Aspekt. Stellen wir uns ein 16-jähriges Mädchen vor, das noch zur Schule geht. Sie wird schwanger. Das Kind kommt zur Welt. Vielleicht muss sie die Schule verlassen. Vielleicht kann sie keine Ausbildung beginnen. Vielleicht hat sie kein eigenes Einkommen. Vielleicht ist auch ihre Familie arm.

Dann braucht das Kind Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und Betreuung. Die junge Mutter braucht gleichzeitig selbst Unterstützung.

Aus einem einzigen ungeschützten Geschlechtsverkehr kann so eine wirtschaftliche Belastung entstehen, die eine junge Familie über Jahre begleitet. Das bedeutet nicht, dass ein Kind eine „Belastung“ oder „Fehler“ ist. Das Kind kann natürlich geliebt werden und ein glückliches Leben führen.

Aber die wirtschaftlichen Konsequenzen einer ungeplanten Schwangerschaft dürfen nicht verschwiegen werden.

Ein Beispiel: junge katholische Mutter, kein Vater, keine Ausbildung, spricht nicht einmal Französisch da kein lange Schulbesuch. Die Mutter hat immer nur Gelegenheitsjobs als Putzkraft für sehr (!) wenig Geld, da die Not der Mütter bekannt und ausgenutzt wird. Dann kostet der Schulbesuch Geld, dass die Mutter eigentlich nicht hat. Also wird am Essen gespart. Auch an der medizinischen Versorgung, die Geld kostet. Die Wohnung wird oft mit anderen Familien geteilt. Die Mutter lebt am untersten Rand der Gesellschaft.

Das Problem betrifft nicht nur Mädchen

Auch Jungen werden in diesem System zu früh zu Vätern. Nur sieht man ihnen ihre Verantwortung nicht sofort an. Eine junge Mutter trägt das Kind neun Monate lang sichtbar in ihrem Körper. Der junge Vater kann dagegen unter Umständen einfach weiterleben, als sei nichts geschehen.

Das ist gesellschaftlich eine gefährliche Schieflage.

Deshalb müsste Sexualaufklärung Jungen genauso erreichen wie Mädchen.

Ein 16-jähriger Junge sollte wissen: Ein Kind kann entstehen. Ein Kondom schützt. Beim ersten Mal kann eine Schwangerschaft entstehen. Und wenn ein Kind entsteht, verschwindet die Verantwortung nicht.

Auch über sexuell übertragbare Krankheiten muss gesprochen werden

Bei der Aufklärung darf es außerdem nicht nur um Schwangerschaft gehen. Ungeschützter Geschlechtsverkehr kann auch HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen übertragen. Gerade in Afrika vielerorts eine große Gefahr, da wiederum HIV wieder (auch staatlich) stigmatisiert ist und niemand darüber redet.

Gerade das Kondom hat deshalb eine doppelte Bedeutung: Es ist Verhütungsmittel und Schutz vor Infektionen. Eine junge Frau sollte wissen, dass die Pille zwar eine Schwangerschaft verhindern kann, aber keinen Schutz vor HIV bietet.

Das gleiche gilt für Implantat, Spirale und hormonelle Injektionen.

Was ist mit der „Pille danach“?

Auch die Notfallverhütung gehört zur Aufklärung.

Wenn ungeschützter Geschlechtsverkehr stattgefunden hat oder ein Kondom gerissen ist, kann eine Notfallverhütung eine Schwangerschaft noch verhindern.

Dabei gilt: Je früher, desto besser.

Die „Pille danach“ ist aber keine normale Verhütungsmethode und sollte nicht regelmäßig die eigentliche Verhütung ersetzen. Und sie schützt ebenfalls nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

Eine wichtige Botschaft an junge Mädchen

Wenn ich einem jungen Mädchen im Senegal einen einzigen Rat geben könnte, wäre es dieser:

Informiere dich, bevor du dich auf eine sexuelle Beziehung einlässt.

Nicht erst danach.

Du hast das Recht zu wissen:

  • Wie entsteht eine Schwangerschaft?
  • Wann kann ich schwanger werden?
  • Welche Verhütungsmethoden gibt es?
  • Wie funktioniert ein Kondom?
  • Was mache ich, wenn das Kondom reißt?
  • Wo bekomme ich vertrauliche Beratung?
  • Welche Rechte habe ich als Mutter?
  • Welche Verantwortung hat der Vater meines Kindes?

Wissen ist keine Schande.

Und Wissen bedeutet nicht, dass man Sex haben muss.

Eine Botschaft an die jungen Männer

Genauso wichtig ist aber eine andere Botschaft:

Du bist für eine Schwangerschaft genauso verantwortlich wie das Mädchen.

Wer Geschlechtsverkehr hat, muss auch bereit sein, Verantwortung für die möglichen Folgen zu übernehmen. Ein Kondom ist nicht nur ein Mittel, um sich selbst zu schützen. Es ist auch ein Zeichen von Verantwortung gegenüber der Partnerin.

Und wenn trotzdem ein Kind entsteht, sollte ein Mann nicht einfach verschwinden.

Was Eltern ihren Kindern sagen könnten

Vielleicht muss Sexualaufklärung im Senegal gar nicht mit großen Kampagnen beginnen. Sie könnte zu Hause beginnen. Ein Vater könnte seinem Sohn erklären, wie eine Schwangerschaft entsteht. Eine Mutter könnte ihrer Tochter erklären, dass sie beim ersten Mal schwanger werden kann.

Eltern könnten ihren Kindern sagen: „Wir wollen nicht, dass du zu früh Sex hast. Aber wenn es passiert, musst du wissen, wie du dich schützt.“

Das wäre keine Aufforderung zum Sex. Es wäre verantwortungsvolle Erziehung.

Religion muss dabei kein Hindernis sein

Auch religiöse Menschen können Aufklärung unterstützen. Ein Imam kann jungen Menschen erklären, welche Verantwortung Sexualität mit sich bringt. Ein Priester kann dasselbe tun.

Eltern können ihren Kindern ihre religiösen Werte vermitteln und gleichzeitig medizinisch korrekte Informationen geben.

Denn selbst wenn eine Religion vorehelichen Geschlechtsverkehr ablehnt, bleibt eine biologische Tatsache bestehen: Eine Schwangerschaft hält sich nicht an religiöse Regeln.

Der Senegal versucht bereits gegenzusteuern

Es wäre unfair, den Senegal als Land darzustellen, das das Problem ignoriert. Das Gegenteil ist erkennbar.

Das Gesundheitsministerium hat die reproduktive und jugendliche Gesundheit zu einem Bestandteil seiner Gesundheitsplanung gemacht.

Die UNFPA arbeitet mit Jugendlichen, Gesundheitsdiensten sowie traditionellen und religiösen Autoritäten.

Und das SANSAS-Projekt baut die jugendgerechte Gesundheitsversorgung weiter aus. Die zweite Projektphase wurde 2026 gestartet und soll unter anderem den Zugang zu entsprechenden Dienstleistungen in Thiès und Sédhiou verbessern.

Das Problem ist also erkannt.

Jetzt kommt es darauf an, dass die Informationen auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden.

Mein persönlicher Eindruck

Ich lebe erst seit November 2025 im Senegal. Deshalb würde ich mir niemals anmaßen, nach so kurzer Zeit die senegalesische Gesellschaft insgesamt beurteilen zu können.

Aber gerade der Blick von außen kann manchmal Fragen aufwerfen.

Mir fällt auf, dass sehr junge Frauen mit kleinen Kindern zum Alltag gehören. Und ich frage mich, ob hinter manchen dieser jungen Mütter nicht Geschichten stehen, in denen einfach zu wenig Wissen vorhanden war.

Vielleicht wusste das Mädchen nicht, dass sie beim ersten Mal schwanger werden kann. Vielleicht kannte sie keine Verhütungsmethode. Vielleicht durfte sie mit ihren Eltern nie darüber sprechen. Vielleicht wollte der Freund kein Kondom. Vielleicht wusste sie nicht, dass sie sich in einer Gesundheitseinrichtung beraten lassen kann. Vielleicht wusste sie nicht, welche Rechte sie gegenüber dem Vater ihres Kindes hat.

Und vielleicht war die Schwangerschaft tatsächlich gewollt.

All diese Möglichkeiten gibt es.

Deshalb sollte man nicht urteilen.

Man sollte aufklären.

Wissen kann Leben verändern

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Ein Kind ist kein Unglück. Aber eine ungeplante Schwangerschaft kann für ein sehr junges Mädchen eine enorme Herausforderung sein. Und deshalb ist es sinnvoller, Jugendlichen Wissen zu geben, als hinterher über sie zu urteilen.

Sexualaufklärung verhindert nicht die Moral.

Sie verhindert möglicherweise Schwangerschaften, Krankheiten, Schulabbrüche und Armut. Und sie gibt jungen Menschen etwas, das sie dringend brauchen: die Möglichkeit, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Noch ein persönlicher Fall: ich kenne aus der Familie meiner Frau ein 14-jähriges Mädchen, das von ihrer Familie oder Schule nicht aufgeklärt wird. Es wird sogar versucht, dass sie niemals einen nackten Mann zu Gesicht bekommt. Den Unterschied zwischen Mann und Frau kennt sie nur von ihren kleinen Brüdern.

Und Dann kommen wir zu einem weiteren Tabuthema: Vergewaltigung

Wenn ein Mädchen oder eine junge Frau zu Sex gezwungen wurde, unter Druck gesetzt wurde oder der Partner die Verwendung eines Kondoms verweigert, obwohl sie darauf besteht, handelt es sich nicht einfach um ein „Verhütungsproblem“.

Dann geht es um Gewalt, Einwilligung und Schutz. Auch darüber muss eine gute Aufklärung sprechen.

Mädchen und Frauen sprechen hierüber aber nicht. Zu oft höre ich, dass der Vater unbekannt ist. Männer im Senegal achten Frauen, aber eine Vergewaltigung wird nicht bestraft wenn sie nicht angezeigt wird. Und Männer können sich ziemlich sicher sein, dass dies nicht geschieht.

Joachim Abel

 

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